Die Methode Trump

Screenshot des Artikels am 21. Juli 2020 (©sueddeutsche.de)

22. Juli 2020 Die „Süddeutsche Zeitung“ veröffentlicht am 20. Juli die Analyse eines TV-Interviews, das der „Fox-News“-Journalist Chris Wallace in der vorigen Woche mit US-Präsident Donald Trump führte. Der Autor, dessen Artikel nicht als Kommentar gekennzeichnet ist, stellt allerdings nicht mit kühlem Kopf Position und Gegenposition dar, sondern betreibt einseitig Heldenverehrung (Wallace) und führt den Interviewten (Trump) vor. Was soll der Artikel beim Leser auslösen, muss man sich fragen.

In der deutschen Medienlandschaft ist es mittlerweile zur Normalität geworden, dass suggestiv berichtet wird. Dem Leser wird das Denken erleichtert, indem es in eine bestimmte Richtung gelenkt wird. Eine Kunstform der Journalie, die es dem Verfasser ermöglicht das Subjektiv empfundene vom Objektivierbaren zu trennen und dies der Allgemeinheit mitzuteilen, ist traditionell der Kommentar. Durch ebenjene Kennzeichnung weiss der Leser sofort, dass er es mit einer persönlichen Meinung und nicht mit einer ausgewogenen Berichterstattung zu tun hat. Jedoch ist schon seit Jahren ein Verschwimmen der Grenzen zu beobachten.

Vor wenigen Tagen erschien in der SZ nun besagter Artikel des US-Korrespondenten Thorsten Denkler im Politikbereich des Onlineauftritts der Zeitung, bei dem der Leser zunächst eine ebensolche politisch ausgewogene Berichterstattung erwartet. Doch schon die Überschrift („Trump ist an den Falschen geraten“) sitzt! Endlich, wird sich der Leser denken, endlich stopft dem US-Präsidenten jemand von Angesicht zu Angesicht das Großmaul. Und sie funktioniert, denn tags darauf ist der Artikel nach Angaben der SZ der meistgeklickte und der meistkommentierte zugleich. In den Kommentarspalten geht es rund, der Konflikt ist gesäht, die Werbeabteilung freut sich über die Einnahmen. Zwar kann der Leser schon bei der Überschrift Verdacht schöpfen, doch offenbart sich das wahre Ausmaß der Leserlenkung erst beim Konsum der darauffolgenden Zeilen.

Kurzzusammenfassung zum Mitnehmen in der Einleitung

„In einem spektakulären Interview bewahrt er [Wallace] Trump vor keiner Peinlichkeit“ heisst es in der Einleitung. Das ist zum einen Interpretationssache und zum anderen eigentlich Aufgabe des Lesers, sich anhand eines Tatsachenberichts eine Meinung zu bilden. Die SZ nimmt dem Konsumenten diese mentale Herausforderung schon beim Einstieg ab. „Eines schon mal vorweg“, heisst es weiter, „Chris Wallace hat nicht angefangen mit diesem kognitiven Test. Das war Donald Trump. Wallace hat den US-Präsidenten nur ein wenig in die Richtung geschubst. Und der ist in eine wohlvorbereitete Falle gelaufen.“ Wir kennen es alle aus dem Kindergarten: Donald Trump hat angefangen. Man musste ihn nur „ein wenig“ provozieren. Wohlvorbereitet und taktisch versiert natürlich, man ist ja mittlerweile erwachsen und kultiviert. Wir sehen dort also endlich den einen Helden sitzen, der dem Klassenschläger Paroli bieten kann. Dieser „ist anders. Er gilt gewissermaßen als der Last Journalist Standing auf der dunklen Seite der Medienmacht. Er seziert in seiner Sonntagssendung Demokraten wie Republikaner gleichermaßen mit seinen messerscharfen und gut vorbereiteten Fragen.“ Tenor: Der Typ ist neutral, denn schließlich bekommen alle politischen Seiten ihr Fett weg. Das macht auch in der Tat einen guten Journalisten aus. Und das macht ihn beliebt, weil wir nun mal nur allzu gerne dabei zusehen, wie durchgetaktete Politiker öffentlich seziert werden. Wir alle mögen den neutralen Beschützer, der „die da oben“ im Sinne der Allgemeinheit vorzuführen im Stande ist. Chris Wallace übernimmt die Aufgabe des Verteidigers der Bürgerrechte, die Rolle des Volkstribuns.

Der Verfasser des SZ-Artikels lobt diese Neutralität – und wird dem eigenen Anspruch dann selbst nicht gerecht, wenn er den Interviewer wie beschrieben als Fackelträger auf der dunklen Seite der Medienmacht zeichnet. Gemeint ist, dass Wallace für den Trump-freundlichen Sender „Fox News“ arbeitet, der das Interview ausstrahlt, und mit seiner kritischen Haltung sozusagen eine Gegenhaltung im eigenen Hause einnimmt. Für die gute Seite der Macht wiederum arbeitet natürlich Thorsten Denkler höchstselbst. Es ist ein Widerspruch unserer Zeit, dass diese Seite sich zunehmend solch populistischer Mittel bedient.

Trump in „Bestform“

Dass Trump auf der Gegenseite der gleichen Rhetorik folgt, ist allseits bekannt. Als es um die Auswertung einer Coronastatistik geht, wird dies nur allzu offensichtlich. Er behauptet, die USA hätten eine der niedrigsten Sterberaten der Welt und bleibt auch dabei, nachdem er diese wissenschaftlichen Daten der Johns Hopkins University gesehen hat:

(©Johns Hopkins University)

Die zeigen ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Trump zuvor geäussert hatte. Links die Länder mit der höchsten case-fatality-ratio (der Sterberate nachweislich Corona-Infizierter), rechts die Länder mit der höchsten Todesrate pro 100.000 Einwohner. Die USA haben demnach die dritthöchste Zahl an Corona-Toten pro 100.000 Einwohner weltweit. Die unangefochtene Nummer eins in beiden Statistiken ist übrigens keinesfalls ein Entwicklungsland, sondern mit Großbritannien der engste amerikanische Verbündete, aber das nur am Rande.

Der Interviewer wird daraufhin mit dem obligatorischen „Fake News“ beleidigt. Wer diesen Vorwurf erhebt, der sollte zuvor lieber eine Gegendarstellung auf Faktenbasis geliefert haben. Der mächtigste Mann der Welt tut dies nicht. Man beginnt eben zu beleidigen, wenn einem die Argumente ausgehen. Und wir reden hier vom Hüter des mit Abstand größten Atomwaffenarsenals der Welt.

Ein ähnliches Bild gibt der Atomcode-Träger ab, als er angebliche Pläne der Demokraten diskutiert der Polizei das Geld kürzen zu wollen, welche sich als falsch herausstellen. Es wäre ein Leichtes das Interview an dieser Stelle für sich sprechen zu lassen, schließlich gab Trump sich mal wieder alle Mühe sich intellektuell zu blamieren. Das Kopfschütteln des Lesers wäre auch ohne ein Aufgeben der Neutralität sicher.

Der Rest des Artikels wird damit verschwendet über einen Demenztest zu fabulieren – der Nachteil eines Systems, in dem es mit Donald Trump (74), „Sleepy Joe“ Biden (77) und Bernie Sanders (78) drei Hochbetagte in die Endrunden um den Präsidentensitz schafften. Demenz wird dann zum ernsthaften politischen Thema und zur Frage der nationalen Sicherheit. Trump brüstet sich damit den Test fehlerfrei bestanden zu haben, also nicht dement zu sein, und fordert Biden auf das gleiche Testergebnis vorzuzeigen. Man kann es nicht leugnen, dies ist in der Tat ein gutes Kriterium für die Führung des mächtigsten Imperiums dieser Welt.

Für die, die durchgehalten haben, nochmal die Message des Tages

Was Donald Trump allerdings in den letzten Jahren geschafft hat, ist die Gegenseite zu entblößen. Oder besser gesagt die Gegenseite dazu zu treiben, sich selbst zu entblößen. Und dieses Bild kann uns nicht gefallen. Denn die SZ zeigt uns noch, wie man solch einen Artikel heutzutage beendet. Wie ein Kinogänger, der vom Regisseur in einer bestimmten Stimmung aus der Filmvorführung entlassen wird, muss auch der Leser des Artikels ein Gefühl mit nach Hause nehmen. Denkler erreicht dies durch „die vielleicht enthüllendste Antwort im ganzen Gespräch“. Donald Trump wurde gefragt, ob er seine Wahlniederlage eingestehen wird. Eine Frage, mit der er schon vor der letzten Wahl monatelang gelöchert wurde. Die Antwort – „Ich werde sehen.“ – überrascht daher keinen. Die Frage an sich wirkt bereits leicht provokant und suggestiv, doch vor allem hat niemand eine Kristallkugel, die die Zukunft voraussagt. Der Befragte kann nicht wissen unter welchen Umständen Sieg oder Niederlage zustande kommen werden. Also klar, man wird sehen. Das klingt wie die natürliche Antwort, um sich alle Optionen offen zu halten. Das ist in etwa so, wie wenn man gefragt wird, ob man in einem halben Jahr die Kündigung vom Chef akzeptieren wird. Man kann wohl kaum mehr dazu sagen, als dass man es geschehen lässt und – wenn es denn geschieht – die Umstände bewertet. Natürlich kann man darauf diplomatischer und demokratischer antworten. Das wäre sogar von einem US-Präsidenten zu erwarten. Doch nach den zurückliegenden Jahren ist es keine große Enthüllung mehr, dass Donald Trump kein „normaler“ US-Präsident, nicht einmal ein Politiker ist. Den Leser daraufhin mit einem Satz zu entlassen, der ein bisschen mit der latenten Angst spielt, Trump wäre die Provokation bis hin zu einen Bürgerkrieg zuzutrauen, geht an einem journalistischen Augenmaß vorbei. Wenn das die Enthüllung ist, dann war da nicht viel.

Über Sinn und Unsinn der Anti-Haltung

Kehren wir zum Schluss zu einem rationalen Denken zurück: Was werden viele Menschen tun, die den Artikel lesen und eine einseitige Berichterstattung bemerken? Die, die Trump wählen oder mögen, werden durch die unausgewogenen Berichte der Medien eher in ihrer Haltung bestärkt. Die, die ihn nicht wählen oder mögen, werden darin bestärkt, dass Trump ein Idiot ist. Also wo ist der Mehrwert? Sind solche Berichte es wert, dass aufgrund des niedrigen Niveaus der „guten Seite“ viele unentschlossene Wähler skeptisch werden und sich für dumm verkauft fühlen? Die Einseitigkeit der Berichterstattung trägt nur zu der Spaltung bei, die man eigentlich den Trump-Anhängern oder den Rechtspopulisten rund um den Erdball vorwirft.

Das ist die Art von Haltung, die die Gräben vertieft. Und das sollte all jenen, denen etwas an Stabilität und Frieden gelegen ist, die größte Sorge bereiten. Denn das Trommeln zeigt, wie sehr das Establishment unter Druck geraten ist. Die Verantwortlichen scheinen zu denken, dass die subtile Medientechnik nicht mehr zur Wahrung der Interpretationshoheit und damit zum Erhalt der (auch Markt-)Macht ausreicht. Die Verzweiflung darüber steigt – und parallel sinkt das Niveau. Treibt man den Rechtspopulisten nicht die Leute in die Arme, wenn man deren Regeln annimmt?

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