Taliban gewinnen den Afghanistan-Krieg

Heimkehrende US-Soldaten in Fort Drum, New York
am 04. August 2020 (©Fort Drum & 10th Mountain Division)

22. Oktober 2020    Fast unbemerkt von der westlichen Öffentlichkeit steht mittlerweile fest: Die Taliban werden den nach den Anschlägen vom 11. September 2001 von den USA begonnenen Krieg in Afghanistan gewinnen. In den seit Monaten andauernden Friedensgesprächen mit der amerikanischen und der afghanischen Regierung diktieren sie, nicht zuletzt mithilfe einer blutigen Anschlagsserie als Druckmittel, die Bedingungen für ein Ende des Konflikts. Eine Bestandsaufnahme.

Denkt man hierzulande an den Afghanistan-Krieg, so werden vielen wahrscheinlich die schon leicht verblassten Erinnerungen an den 11. September 2001 und die darauffolgenden Monate und Jahre des durchgetakteten „War on Terror“ in den Sinn kommen. Spätestens mit der Tötung Osama bin Ladens am 2. Mai 2011 und dessen eilig anberaumter „Seebestattung“ wird für die meisten das Thema erledigt gewesen sein. Zum Ende des Jahres 2020 wird aber endgültig klar: Die auf Langfristigkeit angelegten Guerilla-Taktiken der immer noch lebhaft existierenden Taliban haben in den letzten Jahren derart zugenommen, dass sie sich der äusserst kostenaufwendigen amerikanischen Besatzung dauerhaft als überlegen erweisen. Sie sind weder von den amerikanischen, noch von den afghanischen Streitkräften in den Griff zu bekommen.

Vom „War on Terror“ zum inner-afghanischen Problem

Die Amerikaner, die bis in die 2010er Jahre hinein eine knallharte Linie des „Wir verhandeln nicht mit Terroristen“ fuhren, haben die Niederlage mittlerweile eingesehen. Während die Sinnhaftigkeit ihres Einsatzes in Afghanistan nach und nach ins Vergessen geriet, kämpften sie zuletzt gemeinsam mit den verbliebenen Blauhelmen sowie dem vom Westen ausgerüsteten und ausgebildeten afghanischen Militär einen verzweifelten Kampf gegen die verstreuten und gesellschaftlich tief verankerten Talibanzellen. Die Weltpolitik und die Weltnachrichten nehmen die nunmehr beinahe zwanzig Jahre andauernde Anwesenheit im Land kaum mehr als mit Ermüden wahr und in den USA selbst ist die politische und gesellschaftliche Stimmung so ablehnend, dass die Truppen mittlerweile beinahe ganz abgezogen worden sind.

Das entstandene Machtvakuum ließ die niemals besiegten Taliban Einflussgewinne wittern. Eine äusserst blutige Anschlagsserie auf Einrichtungen der Polizei, auf Kasernen und militärische Rekrutierungs- und Ausbildungsstätten, auf Institutionen und diplomatische Strukturen sowie nicht zuletzt auf Wochenmärkte und belebte Straßenzüge demoralisierte nicht nur die seit Jahrzehnten leidende afghanische Bevölkerung, sondern schlussendlich auch weite Teile der afghanischen Armee und des staatlichen Sicherheits- und Machtapparats. Die Lage ist so katastrophal, dass Afghanistan im Global Peace Index 2020 unverändert auf dem letzten Platz liegt, noch hinter dem Irak oder Syrien.

Während die Kosten für den Krieg mittlerweile auf mehrere Billionen Dollar geschätzt werden, sind die Strategien der Taliban vergleichsweise kostengünstig und damit langfristig effizienter. Dass der Materialaufwand gering ist, hat die zusätzlichen Vorteile äußerlich nicht aufzufallen und beweglich zu bleiben. Sie können im Grunde überall und jederzeit unbemerkt untertauchen. Für Nachwuchs ist, nicht zuletzt durch das brutale Vorgehen des Westens in der Region, ohnehin seit Jahrzehnten gesorgt. Junge Männer schließen sich oftmals lieber solchen Gruppen an, als ein arbeits- und sinnloses Leben zu fristen, zu hungern und zuzusehen wie ihr Land und ihre Gesellschaft zugrunde gehen, während sich korrupte Eliten die Taschen vollstopfen. Wer überhaupt ein Taliban oder ein Talibansympathisant ist, wo diese sich aufhalten oder wie sie dingfest gemacht werden können, all dies ist fließend und für Ausländer kaum zu kontrollieren.

Als Niederlage wird die Situation in den westlichen Medien kaum gedeutet werden, generell ist es still geworden um den vergessenen Kriegsschauplatz. Eher gilt die Angelegenheit mittlerweile als inner-afghanisches Problem. Doch die in Afghanistan installierten politischen Institutionen bleiben selbstverständlich vom Wohlwollen und damit vom Willen der Amerikaner abhängig. Die Regierung agiert weitgehend als eine Art Marionettenregierung der (bald ehemaligen) Besatzungsmacht.

Trump forciert Rückzug und Verhandlungen

Hinzu kommt: Seitdem Donald Trump US-Präsident ist, versucht er einen großen Teil der in aller Welt verstreuten Soldaten nach Hause zurückzuholen. Im Februar 2020 schlossen die Taliban und die USA, die nun doch mit Terroristen verhandeln (müssen), in Doha ein Abkommen zum Truppenabzug aus Afghanistan. Primäre Gegenleistung der Taliban sollte ein Reduzieren der ausufernden Gewalt sein. Die terroristischen Aktionen brachten sie aber nicht nur an den Verhandlungstisch, sondern machten sie an ebenjenem zur tonangebenden Partei. Eine Gewaltreduktion und die sekundär erfolgte Zusicherung der Freilassung gefangengenommener afghanischer Sicherheitsbediensteter sind ein relativ geringer Gegenwert vergleichbar mit dem, was sie gewinnen: Die Amerikaner ziehen sich nicht nur aus "ihrem" Land zurück, sie kapitulieren beinahe. Im ersten halben Jahr der Verhandlungen setzte die afghanisch-amerikanische Seite im Tausch gegen rund 1.000 Sicherheitsbedienstete etwa 5.000 gefangene Talibankämpfer auf freien Fuß. Die Taliban bekamen also den fünffachen Wert.

Etwa 400 Taliban blieben in Gewahrsam, da ihnen besonders schwere Verbrechen wie die Planung und Durchführung von Terroranschlägen vorgeworfen werden. Ein knappes Drittel davon ist sogar zum Tode verurteilt. Der Druck wird in der Zwischenzeit derart mit neuem Terror aufrechterhalten, dass Mitte August damit begonnen wurde, auch diese Kämpfer freizulassen. Wenn es eines Symbols für die Machtlosigkeit der USA bedurft hätte, dann wäre es dieses. Die Taliban diktieren die Bedingungen so, wie sie ein Kriegsgewinner diktiert.

Auf diese Weise kamen im August insgesamt 80 und im September noch einmal knapp 200 Gefangene frei, unter ihnen auch solche, die für den Anschlag in der Nähe der deutschen Botschaft im Jahre 2017 verantwortlich gemacht werden. Die Taliban hatten zuvor klargemacht, dass es ohne deren Freilassung kein Ende der Gewalt geben würde. Im Gegenzug freigelassene Sicherheitsbeamte gab es auch diesmal: es waren derer sechs – rund ein Fünfzigstel des Wertes der Gegenseite. 120 Gefangene behielten die Taliban als Faustpfand in der Hinterhand, um sicherzugehen, dass auch die letzten Terroristen freikommen. Wenn es noch einer Verdeutlichung des Machtungleichgewichts bedurft hätte: Im August wurden somit rund 70 % der bis dahin noch in afghanischen Gefängnissen verweilenden Hardliner-Taliban freigelassen, aber nur 5 % der noch in Talibangefangenschaft befindlichen afghanischen Sicherheitsbeamten.

Der afghanische Präsident Ashraf Ghani kommentierte, mit diesen Schritten wolle er einen „würdigen und dauerhaften Frieden“ erreichen. Ziel von Präsident Trump wiederum ist es, die Zahl der in Afghanistan stationierten US-Soldaten zu reduzieren. Ende September sprach er davon deren Zahl in absehbarer Zeit auf unter 4.000 drücken zu wollen. Derweil zeigte er sich sehr zufrieden mit dem Stand der Friedensverhandlungen. Die Taliban lobte er als „sehr zäh, sehr klug und sehr scharfsinnig“, während er den ganzen Sommer über die Protestbewegung in den USA als „terroristisch“ einstufte.

Dunkle Aussichten

Knapp 9.000 US-Soldaten blieben zuweilen noch im Land. Nach neueren Informationen sieht der Plan vor, ihre Zahl bis November auf 5.000 zu reduzieren und diese Verbliebenen bis Mitte 2021 komplett abzuziehen. Im Zuge des sich derzeit voll im Gange befindlichen Wahlkampfes in den USA twitterte Trump sogar, dass bis Weihnachten alle heimgeholt werden sollen. Sein Nationaler Sicherheitsberater Robert O´ Brien relativierte dies und spricht vom Ziel einer Reduktion auf 2.500 bis Anfang 2021.

Da somit der Krieg offiziell noch nicht beendet ist, bleibt die afghanische Regierung gezwungen ihn mit allen Mitteln fortzuführen. Die Luftwaffe bombardierte kürzlich Talibanstellungen und tötete dabei nicht nur 30 Talibankämpfer, sondern auch mehrere Zivilisten. Afghanischen Angaben zufolge galt der Luftangriff der Abwehr eines Angriffes auf ihre Armee. Dass Taliban und Bevölkerung oft nur schwer voneinander zu unterscheiden sind und letztere zudem als Schutzschild missbraucht wird, bleibt bewährte Strategie der Terroristen. Am 10. und 11. Oktober starben bei Taliban-Bombenanschlägen erneut mindestens 18 Menschen, darunter mindestens drei Zivilisten. Nach Angaben afghanischer Offizieller aus der Regierung und den betroffenen Kriegsprovinzen sterben täglich Dutzende Menschen. Allein vorletztes Wochenende sollen rund 50 weitere Sicherheitskräfte getötet worden sein.

Dennoch neigt sich der Krieg mit diesem letzten Aufbäumen dem Ende zu. Und nur die Taliban entscheiden, wann dieses eintritt. Für die Nachkriegsordnung und damit für das afghanische Volk ist das mehr als nur ein schlechtes Omen. Die USA liefern ein außenpolitisches Fiasko historischen Ausmaßes.

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