Bezahlt Russland die Taliban für das Töten von US-Soldaten?

Screenshot des Artikels am 27. Juni 2020 (©faz.net)

28. Juni 2020   Gestern erschien auf der Online-Seite der FAZ ein Artikel, der unterstellt, Russland hätte Taliban-Kämpfer dafür bezahlt amerikanische Soldaten in Afghanistan zu töten. Er bezieht sich auf einen vorgestern bei der New York Times veröffentlichten Beitrag. Bei solch schwerwiegenden Vorwürfen gebietet es sich für einen Journalisten Recherchearbeit zu leisten. Stattdessen wird der Inhalt durch die FAZ komprimiert wiedergegeben, in gleicher Lesart und voller Spekulationen.

Besuchte man gestern die Internetseite der FAZ, so musste man mal wieder voller Schreck feststellen, dass die Russen zu allem imstande sind. Nicht nur, dass sie – ganz im Gegensatz zu westlichen Geheimdiensten, die Überläufer oder andere „Verräter“ niemals zur Rechenschaft ziehen – Abtrünnige in Parkanlagen vergiften oder auf offener Straße erschießen, jetzt lassen sie sich auch noch mit dem Teufel ein, der den 11. September 2001 zu verantworten hat. „Russische Agenten boten Taliban Geld für Angriffe auf Amerikaner“ springt einem da als eine Artikelüberschrift entgegen. Ein Vorwurf, der großes Sprengpotenzial besitzt. Er stammt nicht von der FAZ selbst, sondern verweist auf Informationen der New York Times.

Sowohl die nicht im Konjunktiv verfasste Überschrift als auch der Artikelinhalt selbst stellen den Leser vor vollendete Tatsachen. Wer nur die Startseite der FAZ überfliegt und den Artikel gar nicht liest, nimmt immerhin per Schlagzeile den Eindruck mit: Der Russe ist böse. Definitiv. Das verfestigt sich mindestens im Unterbewusstsein und lässt zukünftige Manipulationen leichter eintreten.

Woher kommt diese brisante Information?

Die Unterüberschrift zu diesem Artikel verrät erste Details: „Das berichtet die amerikanische Zeitung unter Berufung auf Regierungskreise. Präsident Trump soll auf Hinweise der Geheimdienste nicht reagiert haben.“ Das bringt uns der Wahrheit zunächst einmal nicht näher, denn eine Berufung „auf Regierungskreise“ ist keine ausreichende Quellenkennzeichnung. Bei derart schwerwiegenden Vorwürfen sollten schon einige Zusatzhinweise vorausgesetzt werden. Und warum sollten eigentlich Regierungskreise dem eigenen Oberhaupt derart in den Rücken fallen? Immerhin das ist schnell beantwortet: Weil es in den USA nun mal gerade normal geworden ist. Da, wie wir alle wissen, die Personen, die Einfluss auf den „You´ re fired“-Präsidenten haben, schnell abzuzählen sind, wird es sich um fernere Regierungskreise handeln, die gute Kontakte zur New York Times sowie zu den Geheimdiensten pflegen und aus dem alten Establishment kommen. Da passt es ins Bild, dass das Verhältnis von Donald Trump zur New York Times ebenso mies ist wie das zu vielen Mitarbeitern. Das Ganze wird daher auch direkt fürs Trump-Bashing genutzt: Der Präsident soll auf diese Hinweise nicht reagiert haben. Der Tenor lautet: Durch seine Dummheit und Ignoranz hat er die Leben amerikanischer Soldaten auf dem Gewissen. 20 von ihnen wurden im Jahre 2019 in Afghanistan getötet. Auch das Narrativ seiner Verbindungen zu Russland, das mittlerweile juristisch widerlegt ist, wird indirekt bedient. Liest man den Originalartikel, treten die von der FAZ übernommenen Vorwürfe noch viel deutlicher hervor. In Amerika herrscht schließlich Wahlkampf.

Ja, nein, vielleicht

Weiter ist davon die Rede, russische Agenten „sollen Kämpfern der radikalislamischen Taliban […] Prämien für tödliche Angriffe […] in Aussicht gestellt haben.“ Das Definitive aus der Überschrift ist durch den Konjunktiv plötzlich in Frage gestellt. Und welche Agenten eigentlich, welcher Geheimdienst? Namen wird niemand verlangen, aber auch hier wären recherchierte Zusatzinformationen hilfreich. Mit den veröffentlichten Angaben können nur Gerüchte gestreut werden.

Es findet sich zudem erneut der Hinweis auf Regierungskreise und Geheimdienste in den USA. Wer übrigens davon ausgeht, dass alle Mitarbeiter im Kreise der amerikanischen Regierung automatisch Verbindungen zu ihren Geheimdiensten pflegen, dem sei gesagt, dass in den USA die Geheimdienste als „Staat im Staate“ und als eine Art parallele Hierarchie agieren. Sogar dem US-Präsidenten fehlen für bestimmte Informationen die Sicherheitsfreigaben. Da zudem bekannt ist, dass Donald Trump und die Geheimdienste nicht besonders gut miteinander können, müssen damit Trump-Skeptiker und alteingesessene Verbindungsleute gemeint sein. Beim besagten Geheimdienst deutet darüber hinaus aufgrund der außenpolitischen Thematik vieles auf die CIA hin, so dass man beim Konsum der Nachricht doppelt gewarnt sein sollte.

Im Beitrag wird konkretisiert, die Geheimdienste „gehen […] davon aus“, dass das Geld bereits geflossen sei. Ausgehen kann man allerdings von sehr vielem. Diese Information ist ohne Kontext oder nähere Hinweise haltlos und zudem zusätzlich verwirrend, denn nach wenigen Sätzen hat man als Leser bereits mehrere Versionen zu verarbeiten: Die Agenten boten das Geld bzw. haben es lediglich in Aussicht gestellt bzw. die Taliban haben es bereits erhalten.

Trump wird sodann erneut vorgeworfen, er habe auf diese Erkenntnisse „nicht reagiert“. Selbstverständlich ist es der amerikanischen Bevölkerung nicht nur in einem Wahljahr schwer zu vermitteln, dass der Präsident die Leben der US-Soldaten im Ausland nicht nur gefährdet, sondern geradezu abschenkt. Der Afghanistan-Krieg gilt auch international als der einzige legitime Krieg nach den Anschlägen vom 11. September und dass ausgerechnet Soldaten getötet werden, die an diesem Schauplatz agieren, hat eine besondere Wirkung auf die nationale Psyche.

Das postfaktische Zeitalter

Unklar war dem Bericht zufolge, ob die von Taliban-Kämpfern angenommenen Prämien tatsächlich unmittelbar mit der Tötung von amerikanischen Soldaten zusammenhingen. Moment, wurde das nicht eben behauptet? Es ist also nicht nur unklar, ob Geld angeboten, geflossen oder angenommen wurde, es ist sogar unklar wofür. Und woher diese Information überhaupt stammt und wer genau dieses Geld angeboten oder gezahlt hat ist ebenfalls weiterhin nicht geklärt. Langsam wird es unübersichtlich.

Mit diesen harten Fakten konfrontiert, gab ein von der „New York Times“ kontaktierter Kreml-Sprecher an, nichts von den Vorwürfen zu wissen. Kein Wunder, denn keiner weiss was überhaupt los ist und auf welcher Basis sie erhoben werden. Dementsprechend kann auch der Kreml-Sprecher der Zeitung nichts dazu sagen.

Und wenn man keine fundierten Informationen hat, dann ab ins Reich der Spekulationen: „Dem Bericht zufolge kursieren verschiedene Theorien dazu, warum Russland Taliban-Angriffe unterstützten sollte.“ Dass Theorien kursieren ist eine recht wertlose Information, denn natürlich kursieren Theorien immer und überall und in voller Bandbreite. Wer diese Theorien auf welcher Grundlage aufstellt, das wäre etwas Greifbares. Es werden sich natürlich auch solche finden, denen zufolge es für Russland Sinn macht Taliban-Angriffe zu unterstützen. Das sagt nichts darüber aus, ob eine Theorie faktisch begründet werden kann oder gar überhaupt plausibel ist.

Dafür muss man nicht einmal einen Regierungssprecher oder Geheimdienstler befragen. Belastbar könnten auch solche Theorien sein, die politikwissenschaftlichen, oder, man wagt es kaum zu sagen, funktionierenden medialen Diskursen entnommen sind. Auch so können Argumente und Gegenargumente sauber aufgearbeitet und eingeordnet werden. Und alle Interessierten könnten sich mit relativ großer Wahrscheinlichkeit darauf verlassen, dass die Konstellationen von schlauen Denkern durchgehend in aller Öffentlichkeit auf Schlüssigkeit geprüft und eruiert werden. Irgendwelche Theorien, die irgendwo kursieren, erfüllen dagegen keinen dieser Standards. Sie können jederzeit haltlos in den Raum geworfen werden. Mit ausreichend Medienmacht und vielen Wiederholungen werden sie irgendwann zur Realität.

Das Motiv wird nähergebracht

Das mögliche Motiv wird dem Leser natürlich auch noch genannt, als Service für all diejenigen, die sich noch unsicher Fragen mögen: „Aber warum sollten die Russen so etwas tun?“ Die New York Times hegt, auf Grundlage einer Spekulation, die irgendwer nicht Genannter (wir kennen das schon) aufgestellt hat, einen Verdacht. Eine Theorie besage, dass sich Russland für die Tötung russischer Söldner in Syrien durch amerikanische Soldaten rächen wolle. Ja, könnte sein. Aber man müsste meinen, dass so eine pure Spekulation ohne jeglichen Nachweis es nicht in einen angeblich fundierten Artikel schafft. Tut sie aber leider.

Andere vermuteten noch etwas anderes. Natürlich ist auch hier nicht klar, wer diese anderen sind und in welchem Kontext sie Vermutungen aufstellen. Aber der Vollständigkeit halber: sie vermuteten, dass die Russen ein Interesse daran hätten, dass die Amerikaner „noch lange in dem festgefahrenen Konflikt in Afghanistan verbleiben.“ Wichtig ist offenbar nicht die Wahrheitssuche, sondern, dass den Lesern schlüssige Motive für unterstellte Handlungen der Russen vermittelt werden. Eine Gegendarstellung wird nicht geboten. Der Versuch den „Kreml-Sprecher“ um eine Stellungnahme zu irgendetwas von irgendwem zu bitten, ist natürlich nicht das ernsthafte Bemühen um eine Gegenstimme.

Das zweite aufgeworfene Motiv wird in der Folge nochmals bestärkt. Denn die Amerikaner und die Taliban einigten sich „auf ein Abkommen, das den schrittweisen Abzug der amerikanischen Streitkräfte regelt“, unter der Voraussetzung, dass die Gewalt zurückgehe. Hält die Gewalt an, so der mitschwingende Vorwurf an die Russen, müssen die Amerikaner eben da bleiben. Auf diese Weise wäre der Truppenabzug verhindert und Russland mitverantwortlich dafür, dass es nicht dazu kommt. Natürlich gibt es auch Argumente dafür, dass es im Interesse Russlands sein könnte, wenn sich die USA weiterhin auf dem afghanischen Schlachtfeld aufrieben. Man darf hierbei aber auch nicht vergessen, dass die Taliban entscheiden, ob die Gewalt zurückgeht und nicht die Russen. Wird ihnen das wahrscheinlich überschaubare Kopfgeld wichtiger sein oder der Abzug der Amerikaner und damit der Rückgewinn an politischer Macht im Land? Ganz zu schweigen von dem ewigen Prestigegewinn, nicht nur die Sowjetunion in den 1980er Jahren besiegt, sondern auch das amerikanische Imperium aus dem Land vertrieben zu haben.

Zusätzliche Zweifel an der aufgeworfenen Version sind angebracht, denn nimmt man sich mal eine Landkarte zur Hand, könnte man auch auf die umgekehrte Idee kommen, dass den Russen an der dauerhaften amerikanischen Militärpräsenz vor der eigenen Haustür eher nicht gelegen ist. Und warum sollte z.B. der Iran wollen, dass er von den USA seit Jahrzehnten eingekreist (Saudi Arabien, Irak, Afghanistan, Pakistan) wird? Dies ist ein Vorwurf, der von diesem engen Verbündeten Russlands immer wieder geäußert wird. Das Gegenteil, nämlich dass alle froh sind – die Taliban inklusive – wenn die Amerikaner aus Afghanistan abziehen, ist mindestens ebenso schlüssig. Die von den Taliban verübten Anschläge sollen die Amerikaner schließlich aus dem Land jagen und nicht dafür sorgen, dass sie bleiben. Diese Strategie funktioniert auch, denn aus dem „wir verhandeln nicht mit Terroristen“ sind mittlerweile Abzugspläne und diesbezügliche Verhandlungen direkt mit den Taliban um die Nachkriegsordnung geworden, obwohl die Gewalt seit Monaten und Jahren nicht ab- sondern zunimmt. Es ist den Taliban gerade durch die Angriffe, die nicht verhindert werden können, überhaupt gelungen an den Verhandlungstisch zu kommen.

Der Artikel ist insgesamt suggestiv und steht journalistisch auf wackligen Beinen. Ganz unabhängig vom Ursprungsartikel in der New York Times ist er nun in der Welt und beeinflusst die Sichtweisen der deutschen Leser. Den neutralen Beobachter verwundert diese Parteilichkeit. Er trägt weder zu sachlichen Auseinandersetzungen mit den derzeitigen weltpolitischen Problemen bei, noch zu einem Rückgewinn des Vertrauens der Leser in die etablierte deutsche Medienlandschaft.

Datum heute - Atomuhr online