Der liberale Mythos der Freiheit (1/7)

Graffiti eines Sozialphilosophen in Berlin (©Itmost/flickr)

16. Oktober 2020  Die Freiheit ist der „Ur-Wert“ unserer modernen westlichen Gesellschaft. Das Gewähren der einen Freiheit war nicht nur Hauptbestandteil bürgerlicher Legitimation bei der Bekämpfung vormoderner Gesellschaftsstrukturen, sondern wird bis heute als innen- und außenpolitisches Schlagwort gebraucht, um das Handeln politischer Eliten zu legitimieren. Im Inland werden in ihrem Namen Andersdenkende diffamiert, im Ausland scheinbar rückständige Teile der Welt unter Anwendung militärischer Gewalt vor der Unfreiheit gerettet. Wo liegen die Wurzeln dieses Denkens und wie realitätsnah ist es, wenn wir uns heutzutage als frei bezeichnen?

„A free Iraq is vital because 25 million Iraqis have as much right to live in freedom as we do.“ Mit diesen Worten befehligte US-Präsident George W. Bush am 13. April 2004 den Einmarsch der USA in den Irak. Der bis dato herrschende Diktator Saddam Hussein wurde nach einem Schauprozess im Namen der Freiheit gehängt. Ähnliche Schlagworte gingen rund sieben Jahre später einer – gemeinsam mit einheimischen oppositionellen Kräften koordinierten – Intervention einiger westlicher Staaten in Libyen voraus. Auch die Konsequenzen für den gestürzten Herrscher Muammar al-Gaddafi waren vergleichbar: Er wurde festgenommen und gepfählt. (Ja, richtig gelesen.) Dass die neue Freiheit offenbar auch für die betroffenen Gesellschaften nicht die versprochene Erlösung brachte, ist sowohl im Irak, seitdem praktisch in Dauerkriegen aufgerieben, als auch in Libyen, seit 2014 Schauplatz eines der grausamsten Kriege unserer Zeit, nur allzu ersichtlich. Der Begriff steht mittlerweile selbst im Kernland der USA für ein zunehmend brüchiges politisches Narrativ – falls es die Freiheit überhaupt jemals in der propagierten Form gegeben hatte.

Wir leben bereits so lange in unseren Sozialsystemen und verteufeln so lange abweichende Gesellschaftsformen, dass unser objektiver Blick für die Schwächen dieser Konstruktionen verstellt ist. Jahrzehnte- und jahrhundertelange Bestätigung und Selbstbestätigung haben uns glauben lassen, dass wir Westler die Freien sind – fast im Sinne eines auserwählten Volkes, mit der humanitären Verpflichtung die Fackel in die dunklen Ecken des Globus zu tragen. Stets wurde uns die Alternativlosigkeit dieses Weges suggeriert. Demnach wären wir am positiven Endpunkt der politischen Entwicklungsfähigkeit angelangt. Sind wir aber nicht, denn betrachtet man die derzeitige Weltlage, dann kann das Ergebnis der neoliberalen Herrschaft nicht unsere Erlösung gebracht haben.

Es darf in diesem Zusammenhang aber auch nie vergessen werden, welche Errungenschaften wir als westliche Zivilisation gegen zahlreiche Widerstände und unter dem Einsatz abertausender Leben gegen nicht minder ungerechte Herrschaftssysteme durchgesetzt haben. Vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, ist nur einige Jahrzehnte oder sehr wenige Jahrhunderte alt. Doch warum empfinden mehr und mehr Bürger westlicher Staaten anstatt des indoktrinierten Freiheitsideals äußeren Druck auf ihr Leben und den Verlust ihrer Selbständigkeit? Wenn sich so viele Menschen nicht so frei fühlen wie sie sollten, dann wird es Zeit den Ursprung des dem zugrundeliegenden Denkens zu erkunden. Was war mit der Freiheit ursprünglich gemeint, wie war sie zu verstehen und was bewirkt diese Denkweise bis heute? Wagen wir einen Blick auf die Geschichte der politischen Freiheit, um ihr Narrativ im Angesicht aktueller Herausforderungen historisch zu verorten und unser daraus abgeleitetes Handeln neu zu justieren.

Der Ursprung der einen Freiheit


Die Französische Revolution von 1789 gilt
unter Historikern als Startschuss in die
Moderne. Ihr Schlachtruf: Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit (©WikiImages/pixabay)

Die Epoche der Moderne wird in der historischen Forschung charakterisiert als Durchbruch einer kulturellen Bewusstseinsveränderung und neuen Gesellschaftsordnung; eines ökonomischen und politischen Strukturwandels in Richtung säkularer Nationalstaaten gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Eine Übergangsphase in die Moderne kann wenn, dann nur rückblickend festgemacht werden, da der Ausgang der zahlreichen parallel verlaufenden Entwicklungen und Prozesse des vormodernen Europa nie entschieden war.

Eine solche Übergangsphase kann beispielsweise ausgemacht werden zwischen der Ersterscheinung des „Leviathan“ von Thomas Hobbes im Jahre 1651 und Georg Wilhelm Friedrich Hegels „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ im Jahre 1820/21. Sie ist Teil der Aufklärung, die, alles andere als zufällig zusammenfallend mit Hobbes´  Werk, etwa in der Mitte des 17. Jahrhunderts begann und nach allgemeinem Standpunkt der Forschung mit der Französischen Revolution 1789 endete. Sie ist logischerweise aber auch Teil der ersten Jahrzehnte des „langen Jahrhunderts“ – der Frühmoderne und ihrer sozialphilosophischen Reflexionen.

In diesem Zeitraum intensivierten sich in Europa langfristige Wandlungsprozesse, die mehr und mehr mit einschneidenden politischen Forderungen einhergingen. Die Sozialphilosophen des 17. und 18. Jahrhunderts waren an diesen Entwicklungen aktiv beteiligt und beabsichtigten eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, so dass ihnen auch eine politische Absicht unterstellt werden muss. Primär handelte es sich um einen elitären Machtkampf zwischen der traditionellen Autorität von Gottes Gnaden und den bürgerlichen Oberschichten um die Berufung zur Herrschaft, der sich mit regional unterschiedlichen Verläufen als revolutionärer Umbruch der bestehenden Machtordnung vollzog. Der Liberalismus war in diesem Zusammenhang der wichtigste politisch-philosophische Ausdruck eines zunehmend selbstbewussten Bürgertums und trat mit dem Ziel an, basierend auf der Eigentumsfreiheit und der Freiheit an der eigenen Person politische Führung rational auf Vernunftbasis zu legitimieren.

In der langen Übergangsphase in die Moderne brachte die aufgeklärt-liberale Ideologie des Bürgertums somit eine historische Erwartung an eine Verbesserung der allgemeinen Lebensumstände mit sich. Mehrheitlich knüpften die Forderungen der Aufklärer an die Bewegungen des Humanismus und der Reformation aus dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit an, die das Interpretationsmonopol des Klerus auf die Bibel (und das auf diese Art negativ entworfene Menschenbild) in Frage zu stellen begannen und auf Bildungsreformen drängten. Das bis dahin bestehende Gefüge einer Ständegesellschaft stellte sich dar als ein überwiegend unbewegliches sozial-rechtliches Kostrukt, über dem die Naturgegebenheit der Adelsherrschaft von Gottes Gnaden stand.

Da mit der Zeit in zahlreichen gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Hoheitsbereichen der Herrschenden der Problemdruck stieg, waren diese zunehmend auf eine aus dem Dritten Stand erwachsende wissenschaftlich und intellektuell überlegene bürgerliche Schicht angewiesen, die um ihre Leistung und Bedeutung wusste. Spätestens mit Beginn der Aufklärung in der Mitte des 17. Jahrhunderts wurden auf einer neuen rationalen Legitimationsgrundlage auch politische Veränderungen eingefordert. Die Überzeugung des aufgeklärten Bürgertums war es, dass eine neue Art der Herrschaft der alten überlegen ist, weil sie die Vernunft als Potenzial aller Menschen einbezieht. Im Sinne eines Erwählungsmythos, einer Mission im Sinne des menschlichen Fortschritt, sah es sich geradezu zur Befreiung aus vormodernen Unfreiheits- und Fremdbestimmungskonstellationen berufen.


Adam Smith (1723-1790) - schottischer
Vordenker einer staatlich organisierten
freien Marktwirtschaft (©Store norske
leksikon)

Da Rechtsverhältnisse dadurch, dass sie in der Regel nicht festgeschrieben waren, meist von individueller Willkür des Herrschenden geprägt waren, kam der Begriff der Freiheit vor den Parolen der Französischen Revolution noch ausschließlich im Plural vor. Freiheitsrufe waren eine Summe aus individuell empfundenen Unfreiheiten und standen kaum in einem Gesamtzusammenhang. Erst die bürgerliche Emanzipationsbewegung generalisierte den Begriff. Der gegen Ende des 17. Jahrhunderts in England begründete Liberalismus wurde im Verlauf des 18. Jahrhunderts mit seinen Kernanliegen der Eigentumsfreiheit und der Freiheit an der eigenen Person mehr und mehr zum Ausdruck dieser politischen Forderungen. Wer Freiheit forderte, der war gemeinhin liberal – und umgekehrt. Der klassische Liberalismus war eng verbunden mit der Protestbewegung. Er stellte als wirtschaftspolitischer, sozial- und verfassungsrechtlicher Konsensbereich der bürgerlichen Gesellschaft den Hoffnungsträger des Dritten Standes dar. Der heutige Liberalismus-Begriff dagegen ist als ein Produkt der politischen Ausdifferenzierung seit der Moderne vielfältiger und weniger idealistisch geprägt.

Der Mensch als widersprüchliches Wesen

Hier empfiehlt sich die auch in der Forschung gängige Unterscheidung in eine positive und eine negative Freiheit, die auf den russischstämmigen Philosophen Isaiah Berlin (1909 – 1997) zurückzuführen ist. (Nachzulesen bei Isaiah Berlin „Freiheit. Vier Versuche“.) Die positive Freiheit leitet sich demzufolge aus dem Wunsch des Individuums ab, sein eigener Herr zu sein. Die negative Freiheit dagegen erfordert in manchen Bereichen die äußere Einmischung in individuelle Freiheiten, um die Freiheit aller als solche überhaupt gewähren zu können. Die positive Freiheit beschreibt also die Möglichkeiten von Individuen, selbstgesetzte Ziele zu verfolgen und hebt das naturgegebene Potenzial des Menschen bei der Entfaltung seiner Fähigkeiten hervor, während die negative Freiheit eher einem negativen Menschenbild entspricht und der bloßen Einschränkung schädigender natürlicher Triebe dient. Die Entlassung des Menschen in die Freiheit trennt somit dem großen deutschen Historiker Thomas Nipperdey (1934-1989) zufolge die Subjektivität der Person von der Objekthaftigkeit der Welt.

Dies kann auch so interpretiert werden, dass der Mensch individuell wie gesellschaftlich in die Widersprüchlichkeiten seiner eigenen Natur entlassen wird. Die neue Form politischer Legitimation löste also nicht nur alte Widersprüche auf, sondern erschuf gleichzeitig neue. Teil des liberal-wissenschaftsgläubigen Denkens ist der Taschenspielertrick, dass Mythen eine vormoderne, unreife Spinnerei darstellen. Dabei wurde im Zuge der Installierung der neuen Herrschaftsstruktur mit der Freiheit ein neuer Mythos erschaffen, der ebenso der Machtlegitimierung diente wie der alte. Dies wurde nötig, um – wieder mit Nipperdey gesprochen – den desintegrativen Wirkungen des Rationalismus, der das Individuum aus allen Bindungen emanzipiert, den Menschen verunsichert, desorientiert und destabilisiert, einen positiven Entwurf entgegenzusetzten. Sakrale Mythen wurden lediglich von politischen Mythen verdrängt.

Besonders fünf Theoretiker dürfen sich damit rühmen, entscheidende Beiträge zur Ableitung des neuen herrschaftslegitimierenden Begriffes aus dem Naturzustand geleistet zu haben: Thomas Hobbes, John Locke, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Sie alle erkennen einen Widerspruch in der menschlichen Natur zwischen individueller Verwirklichung und sozialer Eingebundenheit und vertreten, je nachdem ob ihrer Einsicht ein positives oder negatives Menschenbild zugrundeliegt, unterschiedliche Ansichten über die Konsequenzen für die politische Ordnung. Diese Fundierung der Freiheit im Naturzustand und die daraus abgeleiteten Folgen entfalteten eine politisch-mythische Wirkung, die dem Liberalismus zu ideologischer Legitimation verhalf. Von ihren Standpunkten ausgehend, kann die Entfaltung dieses bedeutenden ideologischen Wandels über einen längeren Zeitraum hinweg ansatzweise nachvollzogen werden.

Viele der politisch-philosophischen Einsichten dieser Epoche sind auch heute noch in der westlichen politischen Ideologie verankert. In der folgenden Artikelserie wird es darum gehen diesen Weg nachzuverfolgen, um auch die sich daraus für die Gegenwart ergebenden politischen Implikationen ein wenig besser zu verstehen.

>>Zu Teil 2: Der liberale Mythos der Freiheit: Thomas Hobbes<<
>>Zu Teil 3: Der liberale Mythos der Freiheit: John Locke<<
>>Zu Teil 4: Der liberale Mythos der Freiheit: Jean-Jacques Rousseau<<
>>Zu Teil 5: Der liberale Mythos der Freiheit: Immanuel Kant<<
>>Zu Teil 6: Der liberale Mythos der Freiheit: Georg Wilhelm Friedrich Hegel<<
>>Zu Teil 7: Der liberale Mythos der Freiheit: Wie frei sind wir?<<

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