Eine kleine Geschichte der Medienmanipulationen (3/3)

Mit dem Radio in den Luftschutzkeller: Berliner Familie im April
1944 (©Bundesarchiv)

14. Januar 2021 Politische Manipulationen gab es schon in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit, wahrscheinlich schon vor den schriftlichen Aufzeichnungen. Mit dem Aufkommen des Druckes und erster Flugschriften durch herrschafts- und religionskritische Gruppen wurden die Herrschenden zu einer Intensivierung dieser Einflussnahmen mittels Medien geradezu genötigt. Denn erstmals gelang es damit auch machtfernen Akteuren eine breitere Masse an Rezipienten zu erreichen. Dies provozierte eine Gegenreaktion, eine herrschaftlich getragene Medienpropaganda zur Wahrung der Meinungshoheit.

Die Drucktechnologie und die Verwendung von Alltagssprache in massenweise gedruckten Schriften waren die grundsätzlichen Voraussetzungen für die Entstehung von Öffentlichkeit. Zwischen 1520 und 1525 hatten Flugblätter und Flugschriften absolute Hochkonjunktur. Nach 1525 gingen sie dann langsam in die ersten Tageszeitungen über, die für Jahrhunderte die Meinungsbildung prägen sollten. Sie erfüllten eine neue gesellschaftliche Funktion: günstig zu erwerben, in einfacher Sprache gehalten und Meinung – nicht Wissen! – über aktuelle Themen verbreitend. Empfänger war erstmals das gemeine Volk. Verfasst wurden die Publikationen jedoch weiterhin von gebildeten Kreisen, mit dem klaren Ziel Meinungen herzustellen und zu beeinflussen. Darüber ist sich die historische Forschung einig.

Eine Medienmanipulation, wie wir sie heute verstehen, wurde allerdings erst mit dem Aufstieg der kommerzialisierten Massenpresse zum Ende des 19. Jahrhunderts hin denkbar. Die Lebensgewohnheiten der Menschen glichen sich in der Moderne auch überregional zunehmend einander an. Überregionale Presseorgane wurden gegründet und neue politische Milieus und von ähnlichen Interessenlagen geprägte Gruppen bildeten sich. Die damaligen Massenmedien waren dabei, im Gegensatz zur heutigen Gleichförmigkeit (und damit sind explizit nicht die derzeit stark wachsenden Submilieus im Internet gemeint), noch überaus milieugebunden. Journalisten fühlten sich stark ihren jeweiligen Lebenswelten zugehörig, was bei der Publizierung machtpolitischer Vorstellungen zu unterschiedlichsten Ebenen des Anspruchs und Niveaus führte. Insgesamt ging mit dem Aufstieg der Massenpresse ein enormer Bedeutungszuwachs der Berichterstattung für die Politik einher.

Damit waren auch die bereits beschriebenen massenpsychologischen Effekte leichter zu erzielen. Der Kontrollverlust von Information durch sich stetig überbietende Angebote und Nachfragen war ein neues Phänomen und förderte Desinformations- und Propagandapotenziale.

Wahlmanipulationen und politische Manipulationen


Großstädte – hier Frankfurt a.M. – wurden ab dem
19. Jahrhundert zu Brutstätten der kommerzialisier-
ten Massenpresse und neuer politischer Massenbe-
wegungen (©Wikimedia Commons)

In diesem Zusammenhang besonders zu erwähnen sind die zu dieser Zeit europaweit stets präsenten und zunehmend erfolgreich durchgesetzten Forderungen nach einer Ausweitung des Wahlrechts. In Verbindung mit vielgelesenen, überregionalen Presseorganen, deren Inhalte an politische Mitstreiter adressiert waren, bedeuteten die Umwälzungen eine elementare Bedrohung für die herrschende Klasse. In den Oberschichten war die Ansicht weit verbreitet, dass die neuen Wählerstimmen aus geistig rückständigen Massen kamen. Wenn man schon die Ausweitung des Wahlrechts nicht mehr verhindern konnte, so mussten diese Massen wenigstens politisch und medial beeinflusst werden.

Eingriffe in die Massenmedien bedeuteten rein strategisch gesehen nur eine Erweiterung üblicher politischer Manipulationsmethoden um eine neue Dimension. Sie gehörten und gehören zum Tagesgeschäft der Politiker – und beispielsweise Bismarck galt als ein Meister darin. Mit dem Aufkommen des modernen Staates und den Reformen des Wahlrechts ging parallel neuerdings nur die Taktiererei einher, wie man Wähler zur Abgabe ihrer Stimme in die richtige Richtung zu manövrieren hatte. Dabei wurden und werden sie selbstverständlich nach allen Regeln der Kunst manipuliert, denn es geht um nicht weniger als um die Verteilung der Machtressourcen. Politische Manipulationen und Medienmanipulationen gingen Hand in Hand.

Genauso gab es seit Anbeginn von Wahlen auch Wahlmanipulationen. Man findet sie praktisch überall und zu jeder Zeit. In der Schweiz zeigte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts in etwa die Tendenz, dass sich die Machtstrukturen der Alten Eidgenossenschaften mithilfe von Ämterkäufen, des Herumdokterns am Wahlrecht und dreisten Wahlmanipulationen zunehmend auf einige wenige Familien oligarchisch konzentrierten. Wahlen waren nicht nur ein Mittel, um Bürgern eine Partizipation zu ermöglichen, sie waren gleichzeitig ein Mittel für Herrschaftsgruppen mit politischem Machtvorsprung und –potenzial Strukturen zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Besonders geschickt stellte sich Napoleon an, der um die nachfolgende Jahrhundertwende herum die Französische Revolution mithilfe der Bürgerpartizipation in einen neuartigen Personenkult umleitete, indem er sein Charisma in der Öffentlichkeit manipulativ nutzte. Nicht umsonst war er eines der ganz großen Vorbilder Adolf Hitlers.

Zwischen 1835 und 1841, und damit früher als irgendwo sonst in Europa, gelang dann in England der dauerhafte Übergang zum Parlamentarismus (eine stabile Parteiendemokratie setzte sich erst langsam seit den 1880er Jahren durch). Die Mechaniken, die dies überhaupt ermöglichten, waren Korruption und geschickte politische Manipulation. Wenn man so will, ist es historisch vollkommen unumstritten, dass die parlamentarische Demokratie nur durch Manipulation überhaupt erst ermöglicht wurde und wird. Sie regelt Machtverhältnisse, wo Machtverhältnisse nicht geregelt werden können, weil es schlicht keine brauchbaren politischen Werkzeuge geben kann, die alle Eventualitäten berücksichtigen. Anders ist es gar nicht denkbar, denn man weiß nicht, was in Zukunft passiert und ist nach menschlichem Ermessen nicht dazu in der Lage allgemeingültige und holistische Systeme zu errichten. Politische Systeme sind träge und Verfassungen allgemein formuliert. Der Mensch ist dafür verantwortlich diese Lücken im politischen Alltag zu füllen und so trat und tritt dessen konfrontativer Charakter ganz offen aus den historischen Prozessen hervor. Für dominierende nicht-konfrontative Lösungen wäre ein ausreichend entwickeltes Allgemeinbewusstsein vonnöten. So lange wir uns dieses nicht erarbeitet haben, so lange wird Manipulation eine Herrschaftsgrundlage und hilfreiche Krücke sein, um eine extrem vielfältige Umgebung namens Gesellschaft zu führen. Staaten wären nach jetzigem Stand ohne Manipulationen gar nicht regierbar.

All dies sollte nicht vergessen werden, wenn man die heutigen Regierungen und Medienanstalten gegen Manipulationen verteidigt. Selbstverständlich manipulieren sie. Nach 1945 sind im politischen Westen nicht plötzlich alle Politiker und Machteliten zu besseren und ehrlicheren Menschen geworden. Dass sie manipulieren ist eine politische Notwendigkeit.

Die Medien als zusätzliches Hilfsinstrument

Wie die Wahlen sind auch die Medien nicht nur ein Mittel, um Bürgern Partizipation zu verschaffen, sondern gleichzeitig ein Mittel für Herrschaftsgruppen mit politischem Machtvorsprung und –potenzial die schon nicht zu verhindernde Partizipation wenigstens zu ihren Gunsten zu lenken. In den letzten Jahrzehnten kauften wachsende und somit ihre Marktmacht stetig vergrößernde Medienkonzerne kleinere und noch halbwegs unabhängige Konkurrenten reihenweise auf. Der Großteil der Medienmacht konzentriert sich mittlerweile auf einige wenige Großverlage, deren Unabhängigkeit von der Politik stark bezweifelt werden darf. Schon wer sich nur rudimentär mit diesem Thema auseinandersetzt, wird die naive Vorstellung einer unabhängigen Medienlandschaft in Deutschland (und andernorts) schnell verlieren. Die Medien sind, nicht nur (!) aber auch ein Mechanismus, der dazu dient, die Bürger hinter der Staatsideologie zu versammeln. Keine Herrschaftsgruppe wird dieses Feld konkurrierenden ideologischen Gruppen überlassen und sich damit freiwillig die Machtgrundlage entreißen lassen.

Medienmanipulationen sind nur ein Mittel von vielen, um ideologische Alternativen und wahre politische Kreativität, die zu echten Veränderungen führt, unauffällig zu unterdrücken. Es kann beispielsweise auch durchaus als manipulativ angesehen werden, dass Großparteien konstruiert werden, die sich inhaltlich und ideologisch kaum noch voneinander unterscheiden. Sicherlich ist dies auch ein Wechselspiel: Der gestiegene Individualismus nötigte die politischen Führer dazu möglichst viele Stimmen auf eine allgemeinere Art und Weise einzufangen, die dem Wegfall der festen politischen Milieus entspricht. So verschwand der politische Idealismus früherer Tage. Die Manipulation von 2021 funktioniert selbstverständlich nicht wie die Manipulation von 1942, genausowenig wie die Manipulation im Zweiten Weltkrieg so funktionierte wie die im Deutschen Kaiserreich. Das bedeutet aber nicht, dass es sie nicht gibt.

Propaganda im Deutschen Kaiserreich


Kaiser Wilhelm II.: Der geborene
Propagandist (©Bundesarchiv)

Schauen wir uns diese (Dis-)Kontinuität vielleicht einmal schemenhaft an und wählen Deutschland als Schwerpunkt, beginnend mit dem Deutschen Kaiserreich: Die Kommunikation zwischen Gesellschaft und System folgt grundsätzlich gewachsenen Normen, Werten und Regeln und insbesondere in dem die deutschen Gebiete normativ prägenden Preußen gab es kaum eine Basis für die Legitimitat von Öffentlichkeit, so dass hierzulande zu konstatieren ist, dass von den neuen massenmedialen Trends mehr als im Ausland die der Staatsmacht zugeneigten Strömungen profitierten. Sie erweiterten die bildungsbürgerlich geprägte Form des Nationalismus um eine völkisch-irrationale, mittelständische Ebene.

Insgesamt gab es eine große Bandbreite an Themen, bei denen die Propagandamaschinerien heiß liefen: Wirtschaftspolitik, Kolonialpolitik, Auswanderungspolitik (Deutschland war damals ein Auswanderungsland), Gefühle des Nationalismus und des Prestigedenkens, bis hin zu Ideen einer deutschen Kulturmission. In keinem Bereich hat sich die aufgebrachte Stimmung so stark entfaltet wie in der Außenpolitik.

Der politischen Führung kamen die Einstellungen bei den Mittelschichten gelegen. In Zeiten politischer und gesellschaftlicher Umbrüche besitzt nationale Propaganda starken integrativen Charakter. So lässt sich möglicherweise die Vehemenz nachvollziehen, mit der die Medien und große Teile der Gesellschaft dem eingeschlagenen Weg folgten.

Radio, Fernsehen und Kino

Nach dem Ersten Weltkrieg trat die Medienpropaganda nicht etwa in den Hintergrund, sondern nahm noch weiter an Schärfe zu. In Deutschland folgte die Phase der Rechts- und Linkspropagandisten als ein Sinnbild der allgemeinen politischen Radikalisierung in der Weimarer Republik. Sie mündete in der offenen Kriegspropaganda des Nazi-Regimes.

Mit dem Aufkommen des Radios brach zudem eine neue Ära der Möglichkeiten für die Politik an. In den 1920er Jahren für die breiten Massen noch unerschwinglich, sorgte Joseph Goebbels mit Preissenkungen in den 1930er Jahren höchstpersönlich dafür, dass die allermeisten Haushalte in die Lage kamen sich ein Radiogerät anzuschaffen. Das neue Medium wurde der Bevölkerung zunächst mit meist unpolitischen Unterhaltungssendungen schmackhaft gemacht, denn die Offenheit für zukünftige Propaganda und Manipulation setzte eine freiwillige Nutzung der modernen Empfänger voraus. Nach und nach wurden die Hörer politisiert und für NSDAP-Zwecke manipuliert.

Noch größeres Potenzial besaß natürlich ein Gerät, das zusätzlich zum Ton auch die entsprechenden Bilder mitlieferte. Doch die technologische Entwicklung ging schlicht nicht schnell genug voran, um die Apparate noch vor Kriegsende massentauglich zu machen, obwohl bereits 1929 die erste Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen ausgestrahlt worden war und ab 1935 ein regelmäßiges Fernsehprogramm „on air“ gehen konnte. Die Forschung wurde unter Hochdruck vorangetrieben – und lag nicht nur in Deutschland, sondern beispielsweise auch in England, vollständig in den Händen des Militärs. Die bereits zur Verfügung stehenden Geräte wurden in erster Linie in Kasernen und, in den Jahren des Zweiten Weltkriegs zunehmend, in Lazaretten aufgestellt und dienten der Unterhaltung und (Des-)Information der Truppen.

Eine Möglichkeit die Bevölkerung dennoch mit bewegten herrschaftsnahen Inhalten zu versorgen bot das Kino. Analog zum Radio dominierten auch hier zunächst unpolitische Unterhaltungsfilme, die die „Heimatfront“ ruhig halten sollten. Ab 1942 stieg die Zahl eindeutig politischer und propagandistischer Filme an. Verbunden mit Feiern und Aufmärschen schaffte es Goebbels eine permanente Emotionalisierung der Massen zu bewirken, die dem Hitlerkult diente und die die Bevölkerung schlichtweg faszinierte. Hinter all dem verbarg sich eine durchdachte massenpsychologische Dramaturgie, deren religiös anmutende Elemente dem Nationalsozialismus den Charakter einer Heilsbewegung einbrachten.

Wahrnehmungsverschiebungen nach Manipulationen

Die Mehrheit der Deutschen war derart manipuliert, dass die zu verantwortenden Kriegsgreuel nach Kriegsende oftmals weder eingesehen noch geglaubt wurden. So schrieben viele die zahlreichen Berichte über die Konzentrationslager und die systematische Verfolgung und Vernichtung der Juden, Homosexuellen, geistig und körperlich Behinderten oder politischen Widersachern schlichtweg der gegnerischen Kriegspropaganda zu. Historisch gesehen ist das Leugnen von Manipulationen bei sich selbst und das Unterstellen von Manipulationen bei anderen also nichts neues.

Das Phänomen ließ sich selbst bei den Nazi-Führern beobachten. Hermann Göring behauptete in seinem einzigen Interview zwischen dem Kriegsende und seinem selbst herbeigeführten Tod 1946, dass er nie geahnt hatte, was in den Konzentrationslagern vor sich ging. Es bleibt jedem selbst überlassen einzuschätzen, inwieweit die deutsche Bevölkerung oder Göring, an diesem Tage umringt von 20 bis 30 Journalisten der Siegermächte (u.a. dem Sohn von Thomas Mann, Klaus Mann, der der US-Army beigetreten war), nicht bloß versuchten sich lügend zu rechtfertigen, um ihren Kopf zu retten, sondern tatsächlich nichts dergleichen ahnten. Die Wahrheit wird wohl nicht so eindeutig liegen, wie es uns mit unserer heutigen Distanz erscheint, denn hier ist das Unterbewusstsein mit im Spiel und die Kunst unserer Gehirne unliebsame Indizien in seine hintersten Ecken zu verdrängen. In diesem letzten Lebensjahr schrieb der inhaftierte Göring entgeisterte Briefe an seine Ehefrau: „Warum musste es auf diese Weise enden? Wenn wir nur den Verdacht einer solchen Entwicklung gehabt hätten, so hätten wir sicherlich einen anderen Weg eingeschlagen.“

Eine weitere Strategie des Gehirns, um Unfassbares fassen zu können, besteht darin die Schuld bei anderen zu suchen. Göring soll Klaus Mann zufolge behauptet haben alles sei Himmlers Schuld gewesen. „Wären solche Abscheulichkeiten mir bekannt gewesen, ich hätte protestiert, hätte durchgegriffen!“, zitiert Mann ihn in einem Brief an seinen Vater. Selbst heute gibt es noch Deutsche, zum Glück Randgruppen, die den Holocaust und die Verbrechen der Nazis leugnen.

Eine historisch-soziologische Sichtweise: Karl Mannheim


Karl Mannheim (©Store norske leksikon)

Wer an zeitgenössischen Informationen zu den Sichtweisen auf das Manipulationspotenzial der Massenmedien in ihrer Anfangsphase interessiert ist, dem seien die fast einhundert Jahre alten Werke Karl Mannheims zur sozialtechnologisch geformten Demokratie ans Herz gelegt. Vor allem diejenigen, die auch bisher noch keine Parallelen zur heutigen Medienkultur erkennen, werden feststellen müssen, dass neue Kommunikationstechnologien wie das Radio und das Fernsehen von Beginn an politischen Herrschaftsstrukturen unterworfen blieben. Die wissenschaftliche Grundlagenforschung wurde sogar fast ausschließlich von den Profiteuren in Politik und Militär vorangetrieben.

Karl Mannheim (1893 – 1947) sah – und sah voraus, ohne natürlich explizit die Sozialen Medien und das Internet zu meinen –, dass neue Medien die lokale Unbegrenztheit erhöhen und die Interdependenz der auf diese Weise entstehenden Submilieus katastrophale Wirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben kann – nämlich dann, wenn sie sich als primitive Instinkt- und Stimmungsausbrüche manifestieren. Heute wird nicht nur jeder Twitter-, Youtube- oder Facebooknutzer wissen was gemeint ist, sondern erst recht jeder, der aus gutem Grund einen weiten Bogen um diese Instrumente macht.

Mannheim ist allerdings auch mit Vorsicht zu lesen, da er faschistisch anmutende Lösungen anbietet: Demokratische Elemente, vor allem direktdemokratische, seien zu vermeiden und Regierungshandeln solle außerhalb der Kontrolle der Öffentlichkeit in geheimen Gesellschaften sichergestellt werden, während die Medien Ablenkungsprogramme auszustrahlen hätten.

Nach 1945

Mit dem Emporkommen des bezahlbaren Fernsehgeräts geschah dann auch das Erwartbare: Dieses wurde instantan dafür genutzt, um den Familien in den Wohnzimmern politische Messages zu vermitteln – mal mehr und mal weniger als solche gekennzeichnet. Ein buntes Unterhaltungsprogramm wurde und wird mitgeliefert, einerseits, um häppchenweise Botschaften und kulturelle Identifikationsmuster zu verfestigen, andererseits, um, ähnlich wie bereits beim Radio, das Publikum von der politischen Lage und/oder Teilhabe abzulenken.

Diese – je nach Bedarf – Depolitisierungs- und Politisierungsmethoden kamen anfangs noch relativ platt daher und wurden mit der Zeit feiner ausgestaltet. Die Rezipienten waren mit den Jahrzehnten schließlich miterzogen worden und lernten die ein oder andere Absicht zu durchschauen.

Die höhere Sensibilität für die Methoden geistiger Niederhaltung sorgte dafür, dass die Medienlandschaft sich wieder mit der Gesellschaft veränderte. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten offene massenpropagandistische Strategien, die in zwei Katastrophen geführt hatten, ausgedient. Kriegstreiberei wurde fortan international geächtet. Hinzu kam der neue X-Faktor der Atombombe, die ein neuerliches Versagen globalen Ausmaßes verbot.

Nachdem die Bundesrepublik Deutschland als neuer Nationalstaat etabliert und Institutionen wie Nachrichtendienste und Ministerien geschaffen worden waren, richtete sich die neue Strategie der Herrschaftsträger an der Stabilisierung der politischen Lage und mit der Zeit auch zunehmend an den Erfordernissen des Kalten Krieges aus. Dieser, der Name macht es deutlich, wurde mit ganz anderen Mitteln geführt, mit Mitteln, die eher auf die Schwächung des Gegners im Hintergrund abzielten, um ihn innen- und außenpolitisch zu delegitimieren. Diese Verzahnung von Nachrichtendiensten und Ministerien wurde nach dem „Sieg“ des Westens 1989/90 nicht etwa aufgegeben, sondern als höchstbewährte Strategie weiter gepflegt und ausgebaut.

Seit 1990: Internet & Co.

Und mit dem Internet kam eine ganz neue Möglichkeit auf, um den Ressourcenvorsprung, den der Staat gegenüber seinen Bürgern genießt, noch weitaus effizienter zu nutzen. Aus vielerlei Gründen konnte dieses Potenzial zunächst nur begrenzt ausgeschöpft werden. Es gab technologische Einschränkungen, wie die oftmals noch mangelnde Verfügbarkeit des Mediums und seine dadurch zunächst nur rudimentäre Nutzung. Das Sammeln von Daten erfordert außerdem Speicherkapazitäten, die lange Zeit undenkbar waren. Noch nach den Veröffentlichungen von Edward Snowden wurden seine Kritikpunkte von einigen mit genau diesem Argument als unglaubwürdig abgetan.

An Eingriffe in die Privatsphäre dachten sowieso nur die wenigsten, eher im Gegenteil: das Internet war das neue Symbol der Freiheit. Es waren Zeiten, in denen das Briefgeheimnis noch heilige Errungenschaft der Nachkriegsgesellschaft war und Eingriffe, die heute selbstverständlich sind, undenkbar schienen. Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Verteidigung des privaten Raumes als unumstößlich galt und man wie selbstverständlich davon ausging, dass der Staat das genauso sieht. Nach dem 11. September 2001 wurden im Rahmen des „Krieges gegen den Terror“ viele dieser Prinzipien aufgegeben.

Heute werden die inflationär auftretenden Datenskandale meist nur noch mit einem müden Lächeln oder Kopfschütteln wahrgenommen. Die Mehrheit füttert Facebook, Google, Amazon & Co. unbeirrt weiter freiwillig mit Daten. Die Komplexität der zahlreichen AGBs, Cookieverordnungen etc. überfordert die Nutzer und täuscht oberflächlich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Kern des Problems durch unsere Institutionen vor. Statt Lösungen werfen diese Entwicklungen immer nur noch mehr Fragen auf.

Mittlerweile ist die Informationstechnologie ausgereift genug, um massenhaft Daten der Bürger zu speichern und gewinnbringend auszulesen. Durch bezahlbareren Speicherplatz, durch die Erforschung und Entwicklung von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz können immer größere Datenmengen immer effizienter bewältigt werden, so dass viele der ursprünglichen Probleme zunehmend der Vergangenheit angehören.

Historische Kontinuität

Die Geschichte zeigt: von den Anfangsjahren des Buchdrucks an, über die Etablierung der kommerzialisierten Massenpresse, bis hin zum Aufkommen von Radio, Kino und Fernsehen – neue Kommunikationstechnologien wurden ausnahmslos für den Machterhalt und die Machtextension nutzbar gemacht. In vielen Fällen geschieht dies aus defensiven Gründen, um nicht politischen Gegnern das Feld zu überlassen. Der Buchdruck und die damit ermöglichte Flugblattverbreitung beispielsweise spielte zunächst radikalen Aufrührern wie alternativen Bibelinterpreten in die Hände, bevor der absolutistische Staat zunächst Repressionen erließ und alsbald damit begann ihn selbst für seine Staatspropaganda zu nutzen. Auch in der Weimarer Republik und im Dritten Reich manipulierten Links- und Rechtsextreme mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Zu keiner Zeit war es für politisch ehrgeizige Fraktionen ratsam diese zur Verfügung stehenden Mittel nicht auszuschöpfen, alleine schon aus dem Grund sie nicht unkontrollierbaren Dynamiken zu überlassen. Wer manipuliert, kann verlieren, wer nicht manipuliert, hat schon verloren.

Vor allem die soziale Revolution des Buchdrucks ist stellenweise mit dem Aufkommen des Internets vergleichbar, das alternativen Medien die Möglichkeit gibt etablierte Strukturen zur Verbreitung von Meinungen zu umgehen. So kann sehr schnell und völlig ungeprüft jede Art von Information verlautbart werden. Die repressive Reaktion der herrschenden Systeme und die Nutzung des Internets für eigene Zwecke überrascht historisch gesehen also nicht.

Interessanterweise gilt es dennoch meist als unglaubwürdig, dass es eine Manipulation der Bürger zu lobbyistischen und politischen Zwecken gibt. Das kann nicht nur mit einem schlichten Mangel an Information erklärt werden, sondern auch mit den ausführlich beschriebenen menschlichen Eigenschaften. Es zeigt nicht nur das Ausmaß bereits vorhandener Manipulation an, sondern auch das Ausmaß an der Bereitschaft den Herrschenden glauben zu wollen, da die Implikationen der aus einer möglichen Manipulation abgeleiteten Folgen den Zusammenbruch des bisher Geglaubten bewirken und die Komplexität der dann zu bewältigenden Bewusstseinsverschiebung das eigene Sicherheitsbedürfnis erschüttern würde. Es ist also in gewissem Sinne verständlich sich zu schützen, wenn diese Erkenntnis erst langsam bewusst wird und man sich nicht schon länger mit diesem Thema auseinandersetzt.

Machtlose Wissenschaft

Zwar können dieser Manipulation auch Politikwissenschaftler und Geisteswissenschaftler im Allgemeinen nicht entkommen, doch sind diesen zumindest einige Basics mitgegeben worden, um beispielsweise journalistische von wissenschaftlichen Texten auch in Nuancen, an die man zunächst vielleicht gar nicht denken würde, unterscheiden zu können. Der etablierte Journalist transportiert oft Meinung (seine eigene oder die seiner „Vorgesetzten“) mit der Aufgabe diese möglichst objektiv aussehen zu lassen. Bis die oftmals löchrigen Belege erst einmal überprüft worden sind, hat der Artikel längst seine Aktualität verloren. Kein normaler Leser macht sich bei der Zahl an Informationen, die ihn täglich erreichen, die Mühe alles zu recherchieren.

Eigentlich wäre es durchaus Aufgabe der Wissenschaft diese Probleme aufzudecken. Doch auch hier macht es die schiere Zahl an Artikeln und Beiträgen unmöglich korrigierend einzugreifen. Und wenn, dann würde es nach einiger Zeit wohl kaum noch jemanden interessieren, zumal ganze Diskurse und wissenschaftliche Auseinandersetzungen angestoßen werden würden, in die dann wiederum leicht manipulativ eingegriffen werden könnte, sei es allein, indem diese Auseinandersetzungen am Leben gehalten werden, damit es an anderer Stelle wieder an wissenschaftlichen Ressourcen fehlt. Und es ist eine ganz andere Frage, ob ein Akademiker dieses Wissen überhaupt für die Gesellschaft oder doch lieber für sich selbst nutzen möchte, denn auch beruflich wird er im Antagonismus dieser beiden Begriffswelten klar in die Gegenrichtung gelenkt.

Zum Glück bemerkt derzeit auch eine zunehmende Zahl derer Menschen die Medienmanipulationen, die nicht eine entsprechende Ausbildung genossen haben. Das liegt zum einen daran, dass Volksmeinung wieder platter und offensichtlicher medial gelenkt wird und zum anderen daran, dass es eine wachsende Gegenöffentlichkeit gibt, die auf diese Methoden hinweist. Oft leider auch, um eigene politische Ziele zu verfolgen – und hierin liegt eine Gefahr. Niemand kann dies wirklich gut einschätzen und sollte sich nicht für Fremde verbürgen, wenn selbst unserer eigenen Wahrnehmung nicht getraut werden kann.

Nicht zuletzt die CIA ist seit Jahrzehnten in der Erforschung manipulativer Methoden äußerst aktiv. Dies sind keine Geheimnisse oder Verschwörungstheorien, sondern offiziell unbestrittene Fakten, zu denen massenweise öffentlich verfügbare Dokumente vorliegen. Jedoch gehört es wohl zur Ironie des menschlichen Handelns, dass wir die Manipulationsmethoden, denen wir selbst unterlegen sind, selbst bei deren Offenlegung leugnen. Es liegt an den Historikern der Zukunft den kommenden Generationen zu erklären, warum wir so schlafwandlerisch durch unsere Zeit gegangen sind.

>>Zu Teil 1 der kleinen Geschichte der Medienmanipulationen<<
>>Zu Teil 2 der kleinen Geschichte der Medienmanipulationen<<

Datum heute - Atomuhr online