Der liberale Mythos der Freiheit: Jean-Jacques Rousseau (4/7)

Paris 1755: Voltaire-Lesung im Salon de Madame Geoffrin
(©Store norske leksikon)

08. November 2020 Verlassen wir England und wenden uns dem vorrevolutionären Frankreich zu, das spätestens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum politischen Zentrum des Umbruchs wurde. In sozialphilosophischer Hinsicht besonders einflussreich wurde in dieser Phase Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778). Seine radikale Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und dem Liberalismus bedeutete gleichzeitig ein Zurück zur verheißungsvollen Freiheit der Natur.

Montesquieu formte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Locke´ sche Gewaltenteilungsprinzip weiter aus, darüber hinaus modifizierte Adam Smith in der zweiten Jahrhunderthälfte den Locke-Liberalismus. Parallel zur Weiterentwicklung der ökonomisch-politischen Sphäre entfaltete sich von Frankreich ausgehend der Materialismus, der den spirituellen Idealismus, der bei Locke zu finden ist, entwertet und die Wirkung von Rechtskonstruktionen auf den Menschen hervorhebt. In strikt rationaler nicht-religiöser und positiver Konzeption wurde dem Menschen eine noch weitreichendere Freiheit zugetraut.

Zur Französischen Revolution hin entwickelte sich aus den zahlreichen philosophischen Strömungen der französischen Aufklärung eine radikale politische Dynamik. Ein immer verheißungsvoller gezeichneter Naturzustand von der einen positiven Freiheit und der Gleichheit der freien Individuen wurde zur politischen Leitidee.

Grundlegende Kritik am liberalen Bürgertum


Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778):
Radikaler Demokrat (©Store norske
leksikon)

Das Genfer Multitalent Jean-Jacques Rousseau entwickelte in diesen Jahren, ganz im Geiste seiner Zeit, eine mit massiver Zivilisationskritik verbundene radikale Naturauffassung. In seinem ersten Diskurs von 1750 legt er dar, dass der Mensch der Aufklärung einen Schwarm von Lastern zu verdanken hat, den er überspielt. Er kritisiert die Eitelkeit der neuen Wissenschaften und stellt ihr die Rechtschaffenheit vergangener Tage entgegen. Die Wissenschaft sei verachtenswert, die Vergangenheit jedoch noch nicht verloren. Rousseau dekonstruiert, nicht ohne Pathos, das bürgerliche Ideal, in das das bürgerliche Versprechen der Freiheit den Menschen getrieben hat, bis zurück zum Naturzustand. Die Freiheit sei nicht gewonnen, sondern von der Wissenschaft, der Literatur und den Künsten in ihrer Ursprünglichkeit erstickt worden.

Im „Diskurs über die Ungleichheit“ fünf Jahre später legt er offen, dass die bürgerliche Gesellschaft für viele Verbrechen, Kriege, Morde, Elend und Greuel verantwortlich ist, da sie den Menschen das Konstrukt des Eigentums oktroyiert. Gesetze seien Rechtfertigung der Reichen. Sie „legten dem Schwachen noch festere Fesseln an, und gaben dem Reichen neue Macht […], zerstörten unsere natürliche Freiheit unwiderruflich“. Diese von Rousseau beschriebene Welt entwaffnet den nach Locke und Montesquieu politisch verwirklichten Naturzustand, in dem Freiheit und Gleichheit des Besitzes herrschen und die Menschen so zum ursprünglichen Glück geleiten sollen, als das Gegenteil ihres Heilsversprechens: als Denaturierung ohne positiven Freiheitsbegriff. Rousseau hat den Leitbegriff der Freiheit als Scheinkonstrukt enttarnt und als politischen Mythos einer spezifischen Gruppe gewertet.

Die von Rousseau erkannte Gefahr bahnte sich längst ihren Weg durch Europa: Bürgerlich-liberale Ideale waren „in“ und wurden in allen Gesellschaftsschichten bereitwillig rezipiert und kopiert. Sie hatten Vorbildcharakter für die gesellschaftspolitische Mythomotorik und waren bis in die Familien- und Liebesbeziehungen hinein stilprägend und handlungsanleitend. Nur so konnte in späteren Jahren überhaupt eine ausreichend breite Masse für die Bekämpfung der alten Ordnung mobilisiert werden. Der ökonomisch akzentuierte politische Mythos der Freiheit besaß die Funktion eines gemeinschaftlichen Narrativs zur Legitiminierung neuer Herrschaftsansprüche.

Organische Freiheitskonstruktion als positiver Gegenentwurf

Rousseau bot in seinem politischen Hauptwerk „Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts“ (1762) seine eigene Version des Auswegs aus diesem Dilemma. Auch bei ihm bestand dieser in der Konstruktion und Anwendung eines Gesellschaftsvertrags, jedoch basierend auf einem organischen Modell: „Jeder von uns unterstellt gemeinschaftlich seine Person und seine ganze Kraft der obersten Leitung des Gemeinwillens, und wir nehmen als Körper jedes Glied als untrennbaren Teil des Ganzen auf.“ Das heißt, jeder Teil (Mensch) fühlt sich dem Körper (Staat) zugehörig, anstatt, wie es das Eigentumsprimat bei Locke besagt, Wettbewerb und Konkurrenz zu primären Handlungsantrieben zu erheben.

Rousseau entfaltet, ausgehend von einem optimistischen und gemeinschaftlichen Naturzustand, einen ideologischen Leitbegriff der Freiheit, der dem liberalen überlegen sein möchte. Er abstrahiert die bürgerliche – nicht ideologisch, sondern im Wortsinne einer Staatszugehörigkeit – von der natürlichen Freiheit. Der Mensch verliert durch den Gesellschaftsvertrag die natürliche Freiheit und sein unbegrenztes Recht auf alles, gewinnt aber als Staatsbürger die Sicherheit der Eigentumsfreiheit. Da die Menschen von Natur aus frei seien, würden sie nur Verträge schließen, die eine gleichwertige Kompensation dieses Verlustes bedeuteten.

Für den Verlust der reinen natürlichen Existenz muss als Legitimationsgrundlage für den Gesellschaftsvertrag eine moralische Existenz zugesichert (und auch eingefordert) werden. Einsichten wie diese sind es wohl, die sich Kant zum Vorbild nahm, um später in explizitem Rekurs auf Rousseau über Moral und Sittlichkeit zu diskutieren. Rousseau ist Verfechter einer moralischen Instanz, die dem Volk unmittelbar mit dem Gesellschaftsvertrag mitgegeben werden soll. Der Wille zur Freiheit ist sittlich und die natürliche Freiheit muss, um nicht in die unsittliche Vereinzelung zu führen, den Weg der Sittlichkeit gehen, um zur bürgerlichen Freiheit zu werden. Die bürgerliche Freiheit ist auch hier der erstrebenswerte Fortschritt, aber eben nur zu diesen Bedingungen.

Doppelt problematische Umsetzbarkeit

Den Widerspruch zwischen der Einschränkung der Freiheit durch das Gesetz und der Freiheit selbst überwindet Rousseau mit der Prämisse, dass frei ist, wer nicht aufhört sich selbst zu gehorchen, wenn er den Gesetzen gehorcht: „Wenn mein persönlicher Wille die Oberhand behalten hätte, so hätte ich etwas anderes getan, als was ich gewollt hätte, und dann wäre ich nicht frei gewesen“, schließt er in „Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts“. Konkret: Der Mensch handelt allein aus Eigeninteresse gemeinschaftlich, wenn er Teil des Gemeinwillens eines organischen Körpers ist, mit dem er untrennbar verbunden ist und dem er sich auf Naturbasis verpflichtet fühlt.

Rousseau konstruiert die verwirklichte Freiheit somit kommunitaristisch. Indem er sie gemeinschaftlich formt, distanziert er sich deutlich und elementar vom Liberalismus. Das ist einer der Gründe dafür, dass er heutzutage im linken politischen Spektrum gern zitiert wird. Es ist eine unfreiwillige Synchronizität, dass ein umsetzbares und lebenspraktisches politisches Modell weder von Rousseau noch von der linken intellektuellen Elite des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts angeboten werden kann.

Noch schwerer wog die fehlende Umsetzbarkeit einer optimistischen Unterstellung der etwas abstrakten gemeinschaftlichen Moral wenn man bedenkt, dass die Zustimmung zum Gesellschaftsvertrag grundsätzlich aus den gleichen Gründen erfolgt wie bei Hobbes und Locke und zumindest letzterer als einer bedeutendsten Staatstheoretiker der Aufklärung seine größten Stärken gerade dort hatte, wo Rousseaus Theorie Schwächen offenbarte; nämlich in der Umsetzung. Dann bleibt die zusammenfassende Einsicht, dass Rousseaus integratives Element in Form einer gemeinschaftlichen Konzeption der Freiheit ironischerweise dem desintegrativen und von ihm verachteten Liberalismus zugutekam. Idealistische kommunitaristische Einsichten, dass geteilte Wert- und Moralvorstellungen eine integrative Konzeption des Guten bilden, wie sie zu den Ereignissen der Französischen Revolution hin immer häufiger vorgetragen wurden, waren zusätzliche Argumente für den dann ganz anders gearteten Umbruch.

>>Zu Teil 1: Der liberale Mythos der Freiheit<<
>>Zu Teil 2: Der liberale Mythos der Freiheit: Thomas Hobbes<<
>>Zu Teil 3: Der liberale Mythos der Freiheit: John Locke<<
>>Zu Teil 5: Der liberale Mythos der Freiheit: Immanuel Kant<<
>>Zu Teil 6: Der liberale Mythos der Freiheit: Georg Wilhelm Friedrich Hegel<<
>>Zu Teil 7: Der liberale Mythos der Freiheit: Wie frei sind wir?<<

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