Der liberale Mythos der Freiheit: John Locke (3/7)

Keine gute Laune: Thronbesteigung Wilhelms III. 1689 in
England nach Machtextension des Parlaments (©Store norske
leksikon)

01. November 2020 Weniger diskutiert aber häufiger umgesetzt als die Ideen von Thomas Hobbes wurden die politischen Konzepte des John Locke (1632 – 1704). Er erlangte besonders zu Zeiten der „Glorious Revolution“ (1688/89) im Vereinigten Königreich großen staatstheoretischen Einfluss, u.a. mit der Gewaltenteilungslehre. Zudem begründete er den klassischen Liberalismus, der seitdem gleichermaßen die Grundsätze des politischen Alltags bestimmt.

Die Glorious Revolution, der in der heutigen Geschichtsschreibung verwendete glanzvolle Name lässt es erahnen, ist eines derjenigen historischen Schlüsselereignisse, das unsere parlamentarischen Demokratien überhaupt erst denkbar macht. An ihrem Ende stand 1689 die „Bill of Rights“, die dem englischen Königshaus wichtige Rechte abrang und das Parlament als politische Machtinstanz rechtlich etablierte. Im gleichen Jahr erschien ein Werk, das die neuen Forderungen nach Mitsprache ideologisch unterfütterte: „Two Treatises of Government“ des philosophierenden Arztes John Locke.

Im Gegensatz zum radikalen Hobbes geht Locke eher einen gangbaren Mittelweg zwischen der Notwendigkeit eines politischen Umbruchs und der Bewahrung von Traditionen. Den religiös abgeleiteten katholischen Herrschaftsanspruch lehnt er zwar ab, doch findet die Religion in der Verbindung seiner politischen Philosophie mit dem Protestantismus ihren Ausdruck. Er empfiehlt die Religionsfreiheit in einem säkularen Staat.

Der Naturzustand als Zustand vollkommener Freiheit


John Locke: Wegbereiter für die neo-
liberale Demokratie, wie wir sie heute
kennen (©Wikimedia Commons)

John Locke gilt als der Begründer des klassischen Liberalismus, der ideologisch das Recht an der eigenen Person und am eigenen Besitz zur Hauptkategorie der Freiheit erhebt. Die Eigentumsgarantien erscheinen dabei als vielversprechend, um die rivalisierenden Gruppen aus Adel und Bürgertum in Richtung eines stückweisen politischen Konsensbereichs zu bewegen. Die Freiheit des Eigentums ist demnach, philosophisch gesehen, schon im Naturzustand vorhanden. Den Naturzustand definiert Locke als einen „Zustand der vollkommenen Freiheit im Einklang mit dem Naturgesetz“. Erst durch eine offene Kriegsabsicht geht dieser in einen Kriegszustand über.

Obwohl Locke also wie Hobbes von einem Naturzustand her argumentiert, kehrt er diesen – einem positiven Menschenbild entsprechend – in einen ideologisch erstrebenswerten Zustand um. Dadurch muss die Freiheit nicht direkt wieder radikal eingeschränkt werden. Hinsichtlich der Begründung des Eigentumsrechts aus dem Naturzustand argumentiert er religiös. Hierfür ist er oft kritisiert worden.

Der Widerspruch, dass im Freiheitszustand eigentlich alles allen gehört und erst dann Individuen Eigentum für sich beanspruchen und damit die Freiheit anderer einschränken, kann von Locke nicht aufgelöst werden. Bedenkt man, dass das Eigentum seine zentrale Kategorie ist, so erzielt er diesbezüglich keinen Durchbruch.

Der klassische Liberalismus als lebenspraktischer Ausdruck des politisch-ideologischen Wandels

Trotz der stellenweise nur eingeschränkt rationalen Herleitung war der gemäßigte Locke-Liberalismus in der Ausführung praktikabel. Da im Naturzustand keine übergeordnete Entscheidungsinstanz mit der Autorität zur Regulierung der Unklarheiten eines gemeinsamen Zusammenlebens besteht, ist auch hier eine freiwillige Übereinkunft der Menschen notwendig, um in ein Gemeinwesen überzugehen. Somit ist bei Locke ebenfalls ein Gesellschaftsvertrag fundamental.

Die Grundlagen des Gesetzes sollten aus traditionellen Hierarchien innerhalb der Familien abgeleitet werden, in denen die väterliche Macht den Willen zur Freiheit der Söhne anleitet. Freiheit solle auf diese Weise etwas Natürliches bleiben und das Recht könne als „eine ausreichende Vereinbarung der Zustimmung der Menschen“ verstanden werden. Die Freiheit am Eigentum und an der Person sowie die Gleichheit der Bürger (als mittels Leistungskriterien verdienter Status) bilden seine Grundlage. Dieses Recht wiederum ist als Verbindungsstück für den Begriff der politischen Freiheit maßgeblich. Dadurch bleibt, im Gegensatz zu Hobbes, auch der Zustand nach dem Gesellschaftsvertrag ein Zustand politischer Willensfreiheit. Es existiert ein gemeinschaftlich akzeptiertes Recht auf Vereinzelung, denn das Naturrecht gibt das Eigentum als zentrale Kategorie der Freiheit vor.

Hilfreiche sakrale Mythen

Locke vermengt durch die teilweise religiösen Begründungen der einen Freiheit neue politische Ideen mit altgedienten sakralen Mythen. Einige traditionelle Elemente der Religion und der Familie werden übernommen und als Grundlage für die übergeordnet-gemeinschaftliche politische Organisation verwendet. Dass im Verlaufe der Erlangung der Deutungshoheit liberaler Konzepte auch die politischen Mythen Deutungshoheit über die sakralen Mythen erlangten bedeutet also nicht, dass letztere wegfielen. Im Gegenteil, sie begründeten das liberale Gemeinwesen in rekonfigurierter Form sogar mit.

Die protestantischen Aufklärer stellten sich damit tendenziell weniger gegen die Religion, als mehr gegen die katholisch legitimierte Herrschaft. Dies ist zwar eine stark vereinfachte Darstellung, die zahlreiche Facetten des Religionskampfes außen vor lassen muss, doch macht sie bereits das Konsens- und Veränderungspotenzial einer neuen Denkweise bewusst, das Hobbes mit seiner strikten Ablehnung der Religion noch liegen ließ. Das Recht auf Freiheit bekam bei Locke eine religiöse Fundierung, deren narratives Erbe zur Umdeutung sakraler Mythen in politische Mythen beitrug.

Im Gegensatz zur Herrschaft von Gottes Gnaden vertrug sich dieser Liberalismus ideologisch mit dem Durchbruch der Vernunft und der Wissenschaft. Locke vereinte Religion und Vernunft, Macht und Freiheit in einer Weise, die noch am ehesten operationabel war, um die zahlreichen Gegensätze des 18. Jahrhunderts in einen elitären Konsens umzuleiten.

Liberalismus: Machtleugnung bei sich selbst und Machtentlarvung bei anderen

Dabei ist das Widersprüchliche auch an diesem Gesellschaftsvertrag, dass er aus dem Freiheitsbestreben heraus neue Abhängigkeiten und Unfreiheiten schafft. Diese unterliegen aber weniger der Willkür eines Herrschers, sondern sind janusköpfig als eine Art Tausch der Festschreibung allgemeiner Eigentums- und Rechtsverhältnisse auf der einen und der Festschreibung einer neuen Herrschaftsform auf der anderen Seite anzusehen. Dem emeritierten deutschen Professor für philosophische Begriffsgeschichte Kurt Röttgers (*1944) nach könne man den Liberalismus daher auch als eine Strategie der Machtleugnung bei sich selbst und eine Strategie der Machtentlarvung bei anderen bezeichnen. Eine politische Rechtfertigungstaktik, die bis zum heutigen Tage geradezu perfektioniert wurde.

>>Zu Teil 1: Der liberale Mythos der Freiheit<<
>>Zu Teil 2: Der liberale Mythos der Freiheit: Thomas Hobbes<<
>>Zu Teil 4: Der liberale Mythos der Freiheit: Jean-Jacques Rousseau<<
>>Zu Teil 5: Der liberale Mythos der Freiheit: Immanuel Kant<<
>>Zu Teil 6: Der liberale Mythos der Freiheit: Georg Wilhelm Friedrich Hegel<<
>>Zu Teil 7: Der liberale Mythos der Freiheit: Wie frei sind wir?<<

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