Der liberale Mythos der Freiheit: Thomas Hobbes (2/7)

Zeitgenössische Ausgabe des Leviathan im Militärhistorischen
Museum der Bundeswehr in Dresden (©Z thomas/wikimedia)

25. Oktober 2020  Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588 – 1679) war konsequenter Rationalist mit dem Anspruch, soziale Gesetze wie Naturgesetze wissenschaftlich beweisen zu wollen. Im „Leviathan“, der 1651 erstmals erschien, stellte er derart revolutionäre Thesen auf, dass viele Forscher in diesem Werk den Beginn der Aufklärung sehen. Es geht um nicht weniger als die freie und vernünftige Einsicht des Menschen über die Notwendigkeit der Unterwerfung.

Im Jahre 1651 ist Europa politisch (mal wieder) im Umbruch: Der Dreißigjährige Krieg ist ebenso beendet wie der Englische Bürgerkrieg, der Französisch-Spanische Krieg noch in vollem Gange. Die Auseinandersetzungen im Namen der Kronen lösen unter der einfachen Bevölkerung, die, vor allem in Person der Bauern, die militärpflichtigen Männer stellt, zunehmend Verzweiflung aus. Deren dauernde Abwesenheit als Arbeitskräfte auf den Äckern, ihr dahinscheiden auf den Schlachtfeldern und ihre häufige Rückkehr als verstümmelte und verletzte Veteranen schröpft die Arbeitsressourcen der Familien und senkt die Arbeitsproduktivität bei der Kultivierung der Böden, was wiederum ständige Hungersnöte auslöst. Auch in den adeligen Oberschichten regt sich Unmut, zumal die Bedeutung und das Selbstbewusstsein des Bürgertums zunimmt und elitäre Konflikte heraufbeschwört.


Thomas Hobbes (1588 - 1679) -
Mitbegründer der Aufklärung (©Store
norske leksikon)

Der Engländer Thomas Hobbes, nicht nur Philosoph, sondern gleichzeitig Mathematiker, ist es schließlich, dem es in dieser Gemengelage gelingt, den Zeitgeist in genialer Weise aufzunehmen und auf der Basis unbestechlicher, geradezu mathematischer Logik die Disfunktionalität der politischen Ordnung zu beweisen. Dieses Stilmittel diente der logischen Argumentation und dem Schutz der eigenen körperlichen Unversehrtheit gleichermaßen. Denn die politische Ordnung infrage zu stellen bedeutete gleichzeitig die katholische Kirchenmacht herauszufordern. Diese offen zur Schau gestellte politische Radikalität ging einher mit Forderungen nach Bildungsreformen im Sinne der Reformation und des Humanismus. Vernunft und Wissenschaftlichkeit sollten aus der allgegenwärtigen Armut und den zahlreichen Kriegen der alten Ordnung herausführen.

Die negative Freiheit als endgültige Vertragsgrundlage

In Hobbes´  Konzeption des Naturzustands ist der Mensch misstrauischer Konkurrent, dessen Strategie es ist, mit gewalttätigen und hinterhältigen Mitteln so lange seine Mitmenschen zu unterwerfen, bis es keine andere Macht mehr gibt, die ihm gefährlich werden kann. Machtvermehrung und Organisation in einer Gruppe dienen dem Schutz vor noch größeren Feinden. „Das natürliche Recht ist die Freiheit eines jeden, seine eigene Macht nach seinem Willen zur Erhaltung seiner eigenen Natur einzusetzen“, definiert er im "Leviathan". Jeder hat ein Recht auf alles. Es ist eine negative Freiheit im Sinne der Abwesenheit äußerer Hindernisse. Der freie Naturzustand ist ein Kriegszustand!

Weil der Mensch aber nach Frieden strebt, verzichtet er auf sein Recht auf alles, wenn er sich sicher sein kann, dass auch die anderen darauf verzichten. Diese wechselseitige Übertragung von Recht nennt Hobbes Vertrag. Die so vereinigte Menge ist eine neue mythische Person „Staat“ – oder mit anderen Worten: der Leviathan. „Wer diese Person verkörpert, wird Souverän genannt und besitzt höchste Gewalt, und jeder andere daneben ist sein Untertan“, so Hobbes. Zwei Ebenen sind zu unterscheiden: Der Gesellschaftsvertrag der Individuen untereinander und die vertragslose Übertragung von Macht an den Leviathan. Bei dieser Fiktion handelt es sich um eine für die damalige Zeit völlig neue politische Idee.

Da es keinen Herrschaftsvertrag gibt, existiert bei Hobbes kein Recht den Leviathan nachträglich wieder zu stürzen. Selbst wenn jemand gegen den mehrheitlich eingesetzten Herrscher gestimmt hat, so habe er „nunmehr mit den übrigen übereinzustimmen oder aber er wird rechtmäßig von den übrigen vernichtet“. Diese Denkweise führt zu der Einsicht, dass die Freiheit kein erstrebenswerter Zustand ist, denn sobald sie gewährt ist, muss sie direkt wieder eingeschränkt werden. Sie dient allein der Legitimation. Das natürliche Recht auf atomisierende Freiheit führt, so kann man interpretieren, bei Anwendung der Vernunft zur kommunitaristischen Einsicht, dass es besser ist in der Gemeinschaft unfrei zu sein.

Diese Konzeption ist gepaart mit radikaler Religionskritik. Die Religion sei einerseits Bestandteil menschlicher Politik, andererseits göttliche Politik mit „Vorschriften für diejenigen, welche sich dem Reich Gottes unterworfen haben“. In religiös legitimierten Staaten unterwerfen sich Menschen demnach also aus den falschen Gründen.

Relevanz im 21. Jahrhundert

Was Hobbes stark von anderen bis dato bekannten radikalen religions- und machtkritischen Werken, wie beispielsweise Niccoló Machiavellis „Il Principe“ von 1513, unterscheidet, ist die revolutionäre Begründung einer rationalen und freiwilligen Einsicht aller Menschen im Staate, dass sie eine naturrechtliche Unterwerfung unter ein Gesetz zu vollziehen haben. Charles Taylor, ein Kommunitarist der Gegenwart, betont übereinstimmend, dass auch wir in den heutigen Kontrollsystemen im Namen der Wahrheit, der Befreiung oder unserer eigenen Natur einwilligen an einer ebensolchen Unterwerfung mitzuarbeiten. Macht erfordere Freiheit zur Legitimation und „der Zwang wirkt hier in der Weise, daß uns Illusionen suggeriert werden“, schreibt Taylor in „Negative Freiheit?“ (1995).

Zwar ist die heutige Herrschaft nicht absolut und unwiderruflich wie die Herrschaft bei Hobbes – so dachte und denkt man zumindest bisher –, doch das „negative“ Argument, dass wir die freiwillige Übertragung von Macht an eine Herrschaftsinstanz brauchen, um uns vor inneren und äußeren Eingriffen zu schützen, besteht nach wie vor. Der Leviathan als Machtinstanz reduziert die Gewalt des Naturzustands. Je stärker die mythische Gestalt ist, als die er konstruiert wird, desto weniger Gewalt muss er selbst aufwenden. Macht bedeutet, dass Gewalt obsolet wird und dennoch geschieht, was dem Willen der Herrschenden entspricht. Gewalteinsatz ist in diesem Sinne Machtversagen und Macht bedeutet umgekehrt Gewaltabwehr. Wer den Mythos Freiheit predigt und ausschmückt, der braucht weniger Gewalt, um seine Machtherrschaft aufrechtzuerhalten.

Grenzen und Vermächtnis der Konzeption

Doch nur die Begründung der Lösung erfolgt bei Hobbes rational, nicht mehr die Ausführung selbst. Denn der Mensch, der sich aus freien Stücken einem unbezähmbaren Leviathan unterordnet (der selbst auch nur menschlich sein kann), wird wieder von dessen Willkür abhängig. Diese für viele wohl eher unbefriedigende Lösung erforderte Alternativen. Eine solche sollte mit der Theorie John Lockes schon bald auf den Plan treten.

Allerdings besteht eine wichtige Leistung von Hobbes darin, das natürliche Recht der freien Willensentscheidung eines jeden Menschen emporgehoben zu haben, nachdem in den Jahrhunderten zuvor die Natur des Menschen untrennbar mit einer gottgegebenen hierarchischen Ordnung verbunden war. Die Freiheit ist bei ihm kein narrativer Mythos, sondern eine auf die freiwillige Unterwerfung beschränkte, naturrechtlich begründete politische Idee. Einen Freiheitsbegriff, der über einen negativen hinausgeht und der als positiver Mythos wirkt, schuf er nicht. Herrschaft war jedoch nun auch fernab sakraler Mythen religionslos modellierbar. Damit bildete Hobbes überhaupt erst eine narrative Grundlage für die Herausbildung politischer Mythen seit der Aufklärung.

>>Zu Teil 1: Der liberale Mythos der Freiheit<<
>>Zu Teil 3: Der liberale Mythos der Freiheit: John Locke<<
>>Zu Teil 4: Der liberale Mythos der Freiheit: Jean-Jacques Rousseau<<
>>Zu Teil 5: Der liberale Mythos der Freiheit: Immanuel Kant<<
>>Zu Teil 6: Der liberale Mythos der Freiheit: Georg Wilhelm Friedrich Hegel<<
>>Zu Teil 7: Der liberale Mythos der Freiheit: Wie frei sind wir?<<

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