Der liberale Mythos der Freiheit: Georg Wilhelm Friedrich Hegel (6/7)

Abschlussdokument des Wiener Kongresses von 1815, ausge-
stellt im österreichischen Staatsarchiv (©Thomas Ledl)

22. November 2020 Staat und liberal-bürgerliche Gesellschaft wurden bis Kant – und insbesondere bei Kant – als eine einzige ideologische Sphäre gedacht. Die Unterscheidung von Gesellschaft und Staat (im Sinne einer politischen Gemeinschaft sowie als außenpolitischer Machtakteur) ist dagegen hauptsächlich Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) zu verdanken. Dieser erst schuf mit seiner „Rechtsphilosophie“ ein Theoriegebilde und einen Begriffsapparat, um die politischen Eliten des liberalen Bürgertums als staatstragende Herrschaftsschicht zu identifizieren und zwischen politischen Gruppen zu differenzieren. Es war eine Art Startschuss zum Begreifen politischer Vorgänge als Teil einer modernen Parteienlandschaft.

Nachdem das napoleonische Frankreich in den Befreiungskriegen besiegt worden und die europäische Ordnung auf dem „Wiener Kongreß“ 1815 neu gestaltet worden war, begann auch in den deutschen Gebieten eine neue Phase der politischen und gesellschaftlichen Organisation. Das Zusammenstehen und der Widerstand gegen Napoleon formten zum ersten Mal in der Geschichte eine Art deutsches Nationalbewusstsein. Zwar war man sich auch zuvor schon einer gewissen gemeinsamen Identität bewusst gewesen, doch waren die Lebenserfahrungen viel zu unterschiedlich, um sich in erster Linie als „Deutsch“ zu bezeichnen. Vorrang für die Identifikation hatte zuallermeist die regionale Herkunft. Dies begann sich nun zu ändern.

Schon im vorigen Artikel wurde dargelegt, dass die Forderungen des Liberalismus hierzulande noch über Jahrzehnte hinweg an der Ablösung der äusserst renitenten alten Herrschaft ausgerichtet bleiben sollten. Doch folgte auf den „Wiener Kongreß“ eine erste Verfassungswelle auch in den deutschen Teilstaaten. Vor allem Staaten, die eine Vergrößerung ihres Territoriums erfuhren, hatten es besonders eilig eine Verfassung zu erlassen, um ihren Anspruch endgültig zu legitimieren. Gleichzeitig wurde damit die territoriale Zersplitterung institutionalisiert. Diese Entwicklungen wurden von den alten Eliten als existenzielles Problem gefürchtet. Mit den „Karlsbader Beschlüssen“ von 1819 beschlossen sie eine tatkräftige Bekämpfung liberaler und nationaler Tendenzen – es folgte die Restauration.

Hier setzen wir an und bewegen wir uns in einer neuartigen Gemengelage, die zwar weiterhin die politische Fortschrittlichkeit anderer europäischer Staaten vermissen lässt, in der aber dennoch der Aufstieg von Bürgertum und Liberalismus mitschwingt. Diese Rahmenbedingungen müssen in der folgenden Darstellung von Hegels Rechtsphilosophie bedacht werden.

Hegel als moderner Sozialphilosoph


Georg Wilhelm Friedrich Hegel: wichtiges
Bindeglied in der Philosophie zwischen
alter und neuer Herrschaft (©Jakob
Schlesinger)

Während Kant das moralische Innenleben der Subjekte in den Vordergrund stellt und die gesellschaftliche Wirklichkeit nur in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, ist sie bei Hegel als positives arbeitsteiliges System gefasst. Mit diesen Einsichten sind wir endgültig in der Moderne angelangt: Die Bedürfnisorganisation bleibt nicht zum rein individuellen Problem degradiert, sondern stellt als sozial organisierte Bedürfnisvermittlung die Grundstruktur der bürgerlichen Gesellschaft dar. Basis der allseitigen Abhängigkeit ist Hegels „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ (1820/21) zufolge nicht die Nächstenliebe, sondern „selbstsüchtiger Zweck“.

Der junge Hegel wollte den Staat als Einschränkung der Idee der Freiheit dann sogleich wieder abschaffen. Der spätere Hegel, der in diesem Artikel behandelt wird, sah im Staatsrecht jedoch nicht weniger als die Verwirklichung der menschlichen Natur – seiner „zweiten Natur“, wie er hervorhebt. Das Staatsrecht sei sogar „das Reich der verwirklichten Freiheit“.

Ausgangspunkt dieser Konstruktion ist der freie Wille einer denkenden Intelligenz. Nur sie überwindet – und das ist eine Parallele zu Kant – den ursprünglichen Naturzustand und verwirklicht sich selbst im Rechtsstaat. Es folgt jedoch ein Gegensatz in der abgeleiteten Konsequenz: Der Rechtsstaat ist bei Hegel nicht nur eine moralische, sondern als System gegenseitiger, selbstverantworteter Bedürfnisvermittlung auch eine ökonomisch-politische Instanz. Das Soziale geht sogar erst im ökonomischen Handeln des Bürgertums wirklich auf. Hegel entlarvte dabei auch die „Abhängigkeit und Not der an diese Arbeit gebundenen Klasse“. Die Freiheit ist nicht mehr nur mit den positiven Parolen der Revolutionszeit in Verbindung zu bringen, sondern hat reale Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Interaktionen, die je nach den an ihnen beteiligten Individuen positiv oder negativ konfiguriert sein können.

Die Funktion und die Grenzen des Staates

Dennoch ist auch bei Hegel die Freiheit ein Begriff, der das Gute im Menschen zur Entfaltung bringen kann. Recht ist nicht bloßes „negatives“ Recht, sondern sowohl Ausdruck der Tugend als auch der Anleitung zu einer Rechtschaffenheit, die eher ein Gefühl für das Richtige ist, eine Form von Sittlichkeit. Recht, Tugend und Sittlichkeit leiten sich wechselseitig zur Verwirklichung der Freiheitsidee an. In dieser Hinsicht beschreibt also auch er, wie schon Hobbes, Kant oder Rousseau vor ihm, eine Art kategorischen Imperativ. Eine negative Freiheit, die lediglich den Charakter der Vernunft besitzt, muss aufgegeben werden und mittels Sittlichkeit und Tugend zu einer positiven Freiheit angeleitet werden, die in allen in der Gemeinschaft stehenden Vernunftwesen zur Entfaltung kommt.

Diese Funktion übernimmt in erster Linie der Staat. Er stellt die höchste Form der Sittlichkeit zur Verwirklichung der Freiheitsidee dar. Die negativen Begleiterscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft sind eher als ein Mangel an sittlicher Rechtsanleitung zu sehen. In diesem Zusammenhang muss jedoch auch hier eingewandt werden, dass ein Staat selbst nicht frei ist. Er ist ein an Widersprüchen entzweiter Akteur in einem Konkurrenzsystem, dessen Handeln nach innen und außen sich wechselseitig anleitet.

Für die Definition des Staates als „Wirklichkeit der sittlichen Idee“ ist Hegel später oft kritisiert worden. Aus nachträglicher Sicht ist es aber erforderlich Kritikpunkte nicht mit späteren negativen Erfahrungen der Moderne zu vermengen. Wir befinden uns in der Frühphase der Nationalstaatsbildungen, in der viele uns heute als selbstverständlich erscheinende politische Erfahrungen noch nicht gemacht worden sind. Die Etablierung eines liberalen Nationalstaats war im Deutschland des Jahres 1821 – zur Hochzeit der restaurativen Zensur – noch weit entfernt.

Hegels Vermächtnis

Negative Erfahrungen mit arbeitsteiliger Freiheit im weiteren Verlauf der Geschichte heben wiederum die Berechtigung staatskritischer Einwände des jungen Hegel hervor. Hegel war nach seinem Tod in gewisser Weise zu einem Erinnerungsort der Widersprüchlichkeiten der Freiheit im Rechtsstaat geworden. Althegelianer und Junghegelianer sehen sich beide in ihrer Argumentation pro und contra des modernen Staates in seinem Werk bestätigt.

Der bereits bei Kant stärker strahlende politische Mythos wird bei Hegel schlussendlich um eine gemeinschaftliche Dimension erweitert. Er macht die eine Freiheit endgültig zu einer gemeinschaftlich-rechtlichen Erfahrung. Sie ist die Freiheit aller, verwirklicht im Recht, positiv sittlich anleitend und damit positiv auf die Zukunft der Menschheit ausgerichtet. Der erkennende Mensch hat nun auch die Möglichkeit sich selbst in der Gemeinschaft zu verwirklichen. Mithilfe der Mittel, die ihm durch die Errungenschaft des sittlichen Rechtsstaats zur Verfügung stehen, kann er die Bearbeitung antagonistischer Problemlagen selbst in die Hand nehmen.

In diesem Sinne ist der Herrschaftsübergang vom Ancien Régime in den bürgerlichen Staat sowohl hinsichtlich eines Rousseau´ schen Gemeinwillens als auch einer Kant´ schen Selbstbestimmung vollzogen, verwirklicht im Recht.

>>Zu Teil 1: Der liberale Mythos der Freiheit<<
>>Zu Teil 2: Der liberale Mythos der Freiheit: Thomas Hobbes<<
>>Zu Teil 3: Der liberale Mythos der Freiheit: John Locke<<
>>Zu Teil 4: Der liberale Mythos der Freiheit: Jean-Jacques Rousseau<<
>>Zu Teil 5: Der liberale Mythos der Freiheit: Immanuel Kant<<
>>Zu Teil 7: Der liberale Mythos der Freiheit: Wie frei sind wir?<<

Datum heute - Atomuhr online