Der liberale Mythos der Freiheit: Wie frei sind wir? (7/7)

Das Symbol der Freiheit: Die Freiheitsstatue in New York
(©gmvoelkl/pixabay)

29. November 2020 Wir haben uns in den letzten Wochen ausführlich mit Fragen auseinandergesetzt, die das Wesen der Freiheit betreffen und dabei einige sozialphilosophische Weichenstellungen ihrer politischen Umsetzung im Verlaufe der Aufklärung betrachtet. Wir haben gesehen, dass die politische Instrumentalisierung der Freiheit besonders in der Ideologie des Liberalismus verankert ist. Doch welche Implikationen haben die Erkenntnisse für unsere heutige Existenz? Wie frei hat uns das wirklich gemacht?

Es war natürlich kein Zufall, dass wir in dieser Artikelserie den Begriff der Freiheit mit der Entstehung einer neuen politischen Idee in der Frühen Neuzeit und der Moderne in Zusammenhang gebracht haben. Das Bürgertum und der Liberalismus machten sich, teils aus politischem Kalkül, teils aus einer idealistischen Überzeugung heraus, die Idee des Ausbruchs aus den Unfreiheiten der vormodernen politischen Ordnung zu Nutze. Aus der bloßen Idee erwuchs im Laufe der Jahrhunderte ein politischer Mythos, dessen Wirkungen so effektiv waren, dass er zur ideologischen Grundlage einer neuen stabilen Ordnung wurde. Auf dieser Grundlage sind auch unsere neoliberal und kapitalistisch geprägten nationalen und internationalen Organisationssysteme aufgebaut. Um diese Verwurzelung zu verstehen, lohnt sich ein zusammenfassender Blick auf die Ableitung der Freiheit aus dem Naturzustand des Menschen durch einige der wichtigsten Sozialphilosophen unserer jüngeren Geschichte.

Ist der Naturzustand gut oder schlecht für den Menschen?

Der Naturzustand wird von den fünf betrachteten Philosophen Thomas Hobbes, John Locke, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel überwiegend positiv gezeichnet. Nur Hobbes wertet ihn überhaupt negativ – im Jahre 1652 im Rahmen heute fremd erscheindender Lebenserfahrungen. Locke, Rousseau und Hegel vertreten ein weitgehend positives Menschenbild, Kant beschreibt ein widersprüchliches Wesen, jedoch mit der Fähigkeit diese Widersprüchlichkeit – gerade durch die auf den ersten Blick negativen Eigenschaften – ins Positive umzukehren. Neuartige politisch-mythische Wirkungen sind dadurch nur eingeschränkt entstanden, da immer wieder, insbesondere bei Hobbes, eine narrative Grundlage fehlte. Eher wurden neue politische Ideen erdacht, mit dem Potenzial, selbst einmal zu narrativen Grundlagen künftiger Mythen zu werden. Politische Mythen wurden aber bereits dann geformt, wenn ebendiese Wirkung begann einzutreten und mit Kant und Hegel vor allem Philosophen der Spätaufklärung bzw. der Frühmoderne auf etablierte Einsichten zurückgriffen.

Wenn ein neuer aufklärerisch-vernünftiger Mythos bereits wirkte, dann wurde der narrative Bezug oft aus der Freiheit des Naturzustands abgeleitet, im Sinne einer Verwirklichung des menschlichen Erbes und seiner sozialen Bestimmung. Oder aber, und beides konnte auch gemeinsam greifen, wenn der Rückgriff zusätzlich durch Bezüge auf die zahlreich zur Verfügung stehenden sakralen Mythen spirituell gefärbt erfolgte, wie teilweise gesehen bei Locke und Rousseau. In welcher Konfiguration es auch geschah, die Freiheit war dabei das genuine und unverzichtbare Schlagwort und die zentrale Kategorie der Begründung angestrebter politischer Konsequenzen.

Die Freiheit und der (Neo-)Liberalismus

Einziges politisch erfolgsversprechendes Sammelbecken der so abgeleiteten Forderungen des Bürgertums war der klassische Liberalismus. Die rationale Herleitung der Freiheit aus dem Naturzustand verhalf diesem im elitären Machtkampf – ob eher direkt und beabsichtigt wie bei Locke, Kant und auch dem späteren Hegel oder eher indirekt und eingeschränkt beabsichtigt wie bei Hobbes und Rousseau – zur ideologischen Deutungshoheit und Legitimation. Sie war eine Art Auftrag zum Umbruch. Und das eben auch, weil, einhergehend mit den von den Aufklärern gewonnen Erkenntnissen, kaum alternative lebenspraktische Modelle mitgegeben werden konnten.

Letzteres ist im Grunde bis heute der Fall. Der klassische Liberalismus ist vollends etabliert und in einen neoliberalen Kapitalismus übergegangen. Die sozialphilosophische Weiterentwicklung konnte mit der politisch-ökonomischen nicht mehr schritthalten. Zusätzlich ist die Rechtskategorie als Grundlage gemeinschaftlichen Handelns schleichend durch eine ökonomische Kategorie ersetzt worden. So verwundert es kaum, dass die Moral im Zusammenhang mit der Freiheit kaum noch genannt wird. Eher wird die Freiheit von den politischen Parteien und Rechtsstaaten als politikphilosophische Anleitung missbraucht, um einen Traditionszusammenhang herzustellen und politisch-ökonomische Interessen zu verdecken. Wer moralisch handelt, der gilt als naiv und wer die Freiheit verteidigt, der gilt als ritterlich. Die Begriffe sind fast zu Antagonisten geworden.

Die Freiheit wird zu einer zunehmend leeren Hülle, die schmückend um ein kränkelndes, weil unmoralisch agierendes kapitalistisches System gewickelt wird. Ökonomische Zwänge leiten offen das Handeln des Staates und unser aller öffentliches Handeln an. Aus der Anleitung des moralischen Rechts ist eine Anleitung der Wachstumsökonomie geworden, die jedoch nie in sich selbst verwirklicht werden kann, weil das Wachstum niemals stoppen „darf“. Somit ist ewiges Wachstum die handlungsanleitende Illusion, der wir wie Motten dem Licht folgen. Die Freiheit als positives Schlagwort früherer Zeiten hilft uns oft nur noch dabei uns mit der zunehmend empfundenen Unfreiheit wohler zu fühlen.

Ungelöste Widersprüche und Instrumentalisierung der Idee

Insgesamt kann die von den Sozialphilosophen der Aufklärung erkannte Widersprüchlichkeit der Freiheit damals wie heute politisch nicht aufgelöst werden. Ein Staat ist als Akteur sowohl nach innen als auch nach außen von anderen Akteuren abhängig. Diese alte Erkenntnis der Frühen Neuzeit geriet mit der Entwicklung des teilweise radikal positiven Menschenbildes hin zur Französischen Revolution zu einem nachgeordneten Faktor. Und auch danach bei Hegel dominiert das Modell eines Staates mit betont sittlicher Wirkung nach innen, ohne die Konsequenzen ausreichend zu berücksichtigen, die sich aus realen äußeren und inneren Konkurrenzsituationen ergeben.

Die soziale Realität muss sowohl von einem positiven als auch von einem negativen Menschenbild geprägt bleiben. Die Freiheit zur Selbstverwirklichung kann nur in Teilbereichen gewährt werden und die sittliche Funktion des Rechts wirkt ebenfalls eingeschränkt. Eine einseitig positive Verwendung derartiger Begriffe und somit deren plakativer Missbrauch sollte immer ein kritisches Augenmerk auf die Gründe und Hintergründe lenken. Der auf den Parolen der Freiheit und Gleichheit fußende bürgerliche Staat, und hier beziehen wir uns auf ein Kernargument der kapitalismuskritischen „Frankfurter Schule“ , betont und legitimiert bis heute die Teilbereiche, in denen Freiheit gewährt wird und verdeckt die Bereiche, in denen Unfreiheiten bestehen. Auch die „Befreiung“ des Menschen hat wieder dazu geführt, dass ungerechte Machtstrukturen entstehen.

Zu einer solchen bipolaren Betrachtungsweise gehört es trotz aller Probleme auch, den Fortschritt in der gesellschaftlichen Entwicklung seit der Moderne im Blick zu behalten. Unsere neoliberale Demokratie ist historisch gesehen eine vergleichsweise stabile und interessenausgleichende Errungenschaft. Strukturen können sowohl atomisierend als auch kommunitaristisch wirken und Individuen können sich in unterschiedlichsten Facetten dieser vielfältigen Welt stellenweise selbst verwirklichen, je nach Persönlichkeit eher individuell oder eher gemeinschaftlich.

Eine optimale politische Lösung gibt es aber nicht, sondern nur Lösungen, die sich aus breitem gesellschaftlichem Konsens ableiten und die zu bestimmten Zeiten die Herrschaft bestimmter Gruppen legitimieren, wie es im untersuchten Zeitraum die Liberalen klassischer Prägung waren und wie es heute die neoliberale Elite ist. Herrschaft benötigt aufgrund freiheitseinschränkender Wirkungen ideologische Legitimation und kleidet sich in allgemein akzeptierte Leitbegriffe, um sich möglichst nicht als solche darzubieten. Wenn sie zusätzlich dazu imstande ist die antagonistischen Interessenlagen einer Gesellschaft, und insbesondere die ihrer Eliten, auszugleichen und in Teilbereichen Freiheiten zu gewähren, die den Wünschen der Individuen konsensual entsprechen, kann sich ein längerfristiges Gleichgewicht der Widersprüchlichkeiten einstellen.

Freiheit als Leitmotiv in der heutigen Gesellschaft

An der gemeinschaftlichen Einübung der Freiheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts wirken nicht nur große Teile der mittlerweile nahezu gleichmäßig berichtenden etablierten Medien mit, sondern auch die alternativen Medien und die sogenannte Gegenöffentlichkeit. In Zeiten der Corona-Pandemie werden im Namen der Freiheit Großdemonstrationen organisiert, die sich gegen die ebenfalls auf Freiheit fußenden politischen Systeme richten. Das mächtige Schlagwort wird von neuen Gruppen entwendet und umgedeutet. Diese Strategie ist möglicherweise eine größere Gefahr für die bestehende Ordnung als das Entwickeln einer gänzlich neuen politischen Idee, eben weil die Freiheit in ihrem ursprünglichen Kern von Rousseau´ schen Gedanken umweht bleibt und derjenige, der die Deutungshoheit über ihr inhärentes positives Wesen gewinnt, auch die Herzen breiter Bevölkerungsmassen sicher hat.

Die Medialisierung und ihre globale Dimension sind somit Chance und Gefahr zugleich. Es ist ein Hochkostenspiel, das die Menschheit derzeit betreibt; das Herausbilden einer Weltöffentlichkeit, einer gemeinsamen Identität, die nationale Identitäten ergänzt und die neue Trennlinien auf globaler Ebene schafft. Ob die Freiheit, die in den „alternativen“ Teilen der Gesellschaften propagiert wird, eine Freiheit ist, die der idealistischen Idee mancher Aufklärer entspricht oder auch nur wieder ein inhaltsleeres Schlagwort, dessen politische Umsetzung zweifelhaft oder gar gefährlich ist, das darf jeder Interessierte selbst für sich entscheiden.

Die weniger progressiven Freiheitsverfechter

Die Gefahr dass, im Gegensatz zur Vormoderne, viele progressive Kräfte heute nicht mehr zwangsläufig auf Seiten der Freiheit stehen, darf nicht unterschätzt werden. Denn einige Kritiker der politischen Ordnung wünschen sich ein Zurückfahren neoliberaler Steuerung und der damit einhergehenden politischen Implikationen nur, um mithilfe des Begriffs wiederum einer neuen elitären Gruppe Legitimation zu verschaffen, die reaktionär agiert. In diesen aktuellen Diskursen sind sich Anhänger beider Seiten meist nicht im Klaren darüber, dass sie jeweils nur einem politischen Mythos nachjagen, der nach heutigem Entwicklungsstand der Menschheit zwangsläufig in die eine oder andere Form der Unfreiheit mündet.

Der Beitrag der Religion

Vor der Aufklärung, in der mittelalterlichen Gesellschaft, wurde das Wort Gottes politisch-lebensanleitend instrumentalisiert. Auch damals hat sich um die moralisch positive Idee herum ein Narrativ, ein Mythos, eine Machtstruktur gebildet, die die Absichten der guten Seelen ad absurdum führte. Die Kirche wurde entmachtet, nur um festzustellen, dass der Wissenschaftsglaube ähnlich dogmatisch alles Spirituelle verstößt.

Wir beobachten derzeit wieder eine neuartige religiöse Gegenbewegung. Es lässt sich erahnen und auch bereits beobachten, dass der religiöse Nationalismus, der derzeit in vielen Teilen der Welt zu beobachten ist, wieder nicht zum Frieden, sondern zu noch mehr Gewalt beiträgt. Die radikalen Christen in den USA, der radikale Islam, der Aufstieg des nationalistischen Hinduismus, all diese Reaktionen auf unser fehlerhaftes System zeugen von der allgemeinen Machtlosigkeit des Menschen Logik und Geist in Einklang zu bringen und spirituell und politisch auf der Basis des Friedens einen gangbaren Mittelweg zu finden.

Illusionen aller Art

Per Definition hat ein politischer Mythos, im Gegensatz zur bloßen politischen Idee, ein gemeinschaftliches Narrativ als Basis. Was anfangs als ein Konglomerat einzelner politischer Ideen einen jeweils individuell empfundenen gerechten Sinn ergibt, funktioniert bei wahl- und massentauglichen Schnittmengen nicht mehr, da sich zuviele Widersprüche in den einzelnen individuellen Positionen einstellen. Genau hier setzen gemeinschaftliche Narrative an. Sie schaffen die Illusion unterschiedlichste, teils gegensätzliche politische Ideen unter einer gemeinsamen Bewegung subsummieren zu können. Anders gesagt: Es muss sich ein neuer Mythos mit neuen politischen Implikationen bilden, um Ideen realistischerweise umsetzen zu können. Es ist ein Fluch der politischen Vergemeinschaftung des Menschen, dass er dieses Narrativ als ideologisches Konstrukt zur Orientierung im Handlungsalltag braucht.

Die eine Freiheit gibt es nicht. Es kann sie in einem heute denkbaren Staat nicht geben. Es gibt nur Freiheiten in gesellschaftlichen Teilbereichen, so wie es auch schon vor dem Moderneumbruch der Fall war, bevor das liberale Bürgertum den Mythos der einen Freiheit ausformte und ihn bis zum aktuellen Tage erfolgreich zum Machterhalt nutzte.

Dass die Macht der heutigen Eliten so solide und gefestigt ist liegt unter anderem daran, dass das Narrativ der Freiheit als sehr gut funktionierendes Schlagwort, als grobe ideologische Vereinfachung unserer gemeinsamen Zielausrichtung von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung nicht bestritten wird. Teils mit gutem Grund, teils, weil sich der menschliche Verstand in Platons Höhle am wohlsten fühlt und diese Sicherheit schlicht und ergreifend braucht. Frei macht ihn diese Illusion in letzter Instanz nicht.

>>Zu Teil 1: Der liberale Mythos der Freiheit<<
>>Zu Teil 2: Der liberale Mythos der Freiheit: Thomas Hobbes<<
>>Zu Teil 3: Der liberale Mythos der Freiheit: John Locke<<
>>Zu Teil 4: Der liberale Mythos der Freiheit: Jean-Jacques Rousseau<<
>>Zu Teil 5: Der liberale Mythos der Freiheit: Immanuel Kant<<>
>>Zu Teil 6: Der liberale Mythos der Freiheit: Georg Wilhelm Friedrich Hegel<<

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