Die Selbstzerstörung der CDU

1972 wie 2019: Die CDU von Zerstörern umgeben (©CDU)

04. Juni 2020   Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass der Youtuber und/oder Influencer „Rezo“ mit seinem kritischen Video „Die Zerstörung der CDU“ die deutsche Politik und Medienlandschaft aufscheuchte. Wohl nicht ganz zufällig ein Jahr später veröffentlicht er nun mit „Die Zerstörung der Presse“ einen Nachfolger. Das ist die Gelegenheit mal zurückzuschauen: Was hat sich seitdem im Mediendiskurs und in der Bewertung seiner Person und seines Beitrages getan?

Nachdem am 18. Mai 2019 auf Youtube das Video mit dem Titel „Die Zerstörung der CDU“ erschienen war, geschah etwas historisches: Ganz Deutschland diskutierte über einen jungen Mann mit blauen Haaren, Jahrgang 1992, der primär Unterhaltungs- und Musikvideos für Gleichaltrige produziert. So einen Hype, so einen Einfluss auf die Medienkultur in Deutschland hatte ein Beitrag auf dieser Plattform noch nie ausgelöst. Nur wenige Tage später – mit Stand vom 24. Mai, 0:03 Uhr – war das Video bereits mehr als 5,3 Millionen mal aufgerufen worden. Es sollte sich gar zum meistgeklickten Youtube-Video des Jahres 2019 in Deutschland entwickeln. Bis zum heutigen Tage steht es bei 17 Millionen Aufrufen. Rezos Abonnentenzahl auf diesem Kanal hat sich im zurückliegenden Jahr nahezu verdoppelt (von 715.000 auf 1,37 Millionen). Dem Online-Magazin „t3n“ antwortete er am 21.05.19 noch auf die Frage, ob er glaube, dass es sein Video mit der bisher größten Reichweite wird: „Nein. Ich hatte mal eins mit zehn Millionen Views und einige mit vier bis sechs Millionen. Glaube nicht, dass dieses Video das alles übersteigt.“ Bei Spiegel-Ableger „bento“ äusserte er sich tags darauf überrascht: „Ich wusste, dass meine Fans und Follower sich das anschauen werden. Aber dass sich das außerhalb meiner Bubble so stark verbreitet, dass sogar Bundestagsabgeordnete wie Anke Domscheit-Berg das teilen, ist schon erstaunlich.“ Das klingt aus heutiger Sicht nach Understatement, aber da war das Video ja auch erst vier Tage online.

Es ist sicherlich nicht einmalig in der Youtube-Geschichte, dass ein Video einen Hype auslöst und imposante Zahlen generiert. Der entscheidende Unterschied zu früheren Hype-Videos besteht darin, dass es zu einem Gesprächsthema in etablierten TV- und Printmedien und selbst in höchsten politischen Kreisen mutierte, obwohl letztere es zunächst mit süffisant-arroganten Kommentaren belächelten. So kannten sie es ja, es einfach wegspotten zu können und wer hätte anfangs gedacht, dass es diesmal anders ist?! Grundsätzlich richtet sich das Video gegen das gesamte politische Establishment, auch wenn in erster Linie natürlich die CDU betroffen ist. Die SPD durfte sich in zweiter Instanz ebenfalls angesprochen fühlen und die FDP hatte „einfach Glück, dass das Video schon viel zu lang war“, wie Rezo „t3n“ verriet. Profiteure des Videos waren die Grünen – die indirekte Wahlempfehlung Rezos, die sich aus seiner Teilfokussierung auf das Klima-Thema ergibt.

Das Timing der Veröffentlichung war gut, denn zwischen dem 23. und dem 26. Mai 2019 fanden nicht ganz zufällig Europawahlen statt. Spätestens als die Ergebnisse präsentiert wurden, blieb der CDU-Spitze das Lächeln wohl im Halse stecken. Laut „infratest dimap“ (26.05.19) hatten 36 % der Erstwähler für die Grünen gestimmt, die CDU kam auf 11 %, die SPD gar nur auf 7 %. CDU und SPD zusammen kamen bei den Erstwählern somit auf halb soviele Stimmen wie die Grünen. Das Bild verändert sich nur unwesentlich, wenn man die Altersgruppe auf die Unter-30-Jährigen ausweitet. „Forschungsgruppe Wahlen“ errechnete am gleichen Abend einen Stimmenanteil von 33 % für die Grünen, 13 % für die CDU und 10 % für die SPD. Es war ein PR-Desaster, das sicherlich nicht allein- aber mitverantwortlich für ein Wahldesaster wurde. Dass es nicht noch schlimmer kam, haben die beiden etablierten Parteien nicht etwa den Abiturienten oder den Hochschulabsolventen, sondern den Wählern mit Hauptschulabschluss zu verdanken. Klingt nicht nach typischer CDU-Klientel, doch dort verzeichnete die Partei mit rund 40 % zu 10 % Stimmenanteilen die größten Erfolge gegen die Grünen. In geringerem Ausmaß trifft das auch auf die SPD zu.

Die beleidigte Reaktion der CDU

Die Eliten waren nun aufgerüttelt und plötzlich sehr aufmerksam. Es konnte kaum mehr auf ein Nischenpublikum bei Youtube verwiesen werden. Die überraschende politische Wirkung des Videos erzwang eine Auseinandersetzung mit den Inhalten auch bei Menschen fortgeschrittenen Alters. Wer jetzt meinte, Einsicht möge folgen oder die souveräne Reaktion gereifter Menschen, der wurde allerdings enttäuscht. Denn vor allem die CDU zerstörte sich in der Folgezeit geradezu selbst und gab mit der Souveränität einer auf dem Rücken liegenden Schildkröte das denkbar peinlichste Bild in der Öffentlichkeit ab. Das Kontervideo des Schwiegermutti-Shootingstars Philipp Amthor hat diese Öffentlichkeit zwar nie zu sehen bekommen, aber es muss so peinlich gewesen sein, dass selbst die betagten Politiker in der Partei das bereits fertiggestellte Video in letzter Minute cancelten. Steigt man die Hierarchiestufen hinauf in die oberste Riege der Partei, zur damaligen Spitzenkandidatin der Zukunft Annegret Kramp-Karrenbauer, wurde es nicht staatsmännischer. Von ihr ist sinngemäß die trotzige Aussage verbrieft, nun sei die CDU wohl auch noch Schuld an den sieben Plagen in Ägypten. Dass in der Bibel von den zehn Plagen die Rede ist, wäre an sich nicht tragisch. Wir alle machen mal Fehler. Tragisch wird es erst dadurch, dass es sich um die von Angela Merkel höchstpersönlich zu ihrer Nachfolgerin auserkorene Bundesvorsitzende der Christlich Demokratischen Union gehandelt hatte, der dieser faux pas passierte. Wer das „christlich“ im Namen trägt und daraus politische Legitimität ableitet, der sollte zumindest auch christliches Allgemeinwissen an den Tag legen. Zumal sie diesen Vergleich ungefragt zog und nicht etwa in die Ecke getrieben worden war.

Nach der anfänglichen spottenden Kritik gab es Gesprächsangebote mehrerer Politiker, auch von den gängigen Talkshows des deutschen Fernsehens wurde angefragt. Dass Rezo aufgrund seines Stotterns nicht auf diese Angebote einging, ist nicht allein aus diesem Grund allzu verständlich. Denn ein Auftritt in einer öffentlichkeitswirksamen und von hochbezahlten PR-Agenturen austradierten Show zur Ehrenrettung der Regierungsparteien ist sicherlich nicht der geeignete Rahmen, um eine gleichberechtigte sachliche Diskussion zu führen. Dies wurde jedoch von Seiten der Kritiker als Indiz für eine unkonstruktive Haltung hergenommen. Die Aufmerksamkeit hatte eine Sphäre erreicht, in der es offenbar nicht mehr ausreichte als Bürger öffentliche Denkanstöße von außen zu geben, damit die Politprofis sich mit sich selbst und ihren Programmen auseinandersetzten. Es ging darum sich auf die eine Person einzuschießen, die berechtigterweise auf die Notwendigkeit einer strategischen Eruierung aufmerksam machte. Das lenkt hervorragend vom Wesentlichen ab.

Viel bedenklicher war jedoch die in der deutschen Politik durch das Video angestoßene Debatte über die Einschränkung der Meinungsfreiheit. Rezo wurde als Hetzer und als ausführender und bezahlter Arm alternativer politischer Interessen diffamiert. Die etablierten und staatsnahen Medien mussten sich nicht mehr nur mit der aufkeimenden Rechtsrhetorik im Netz auseinandersetzen, sondern jetzt auch noch mit eher unpolitischen Unterhaltungsyoutubern. Es war anfangs nicht entschieden, wohin diese Debatten führen und wie sich die Öffentlichkeit positionieren würde.

Zweifel an Rezos Absichten und seiner intellektuellen Leistung

Durchaus bedeutend war diesbezüglich die Frage, ob Rezo inhaltlich überzeugt. Dass er bei den Recherchen zu seinem Video Unterstützung bekam, dürfte unbestritten sein. Ein 13-seitiges Quellenverzeichnis auf dem hohen Niveau, das er anbietet, ist nicht mal eben so erstellt. Er selbst gab im „bento“-Interview an, es mit seinem Mitarbeiter „TJ“ gemeinsam recherchiert und hunderte Stunden Arbeit hineingesteckt zu haben. Zumindest letzteres dürfte stimmen. Wer einmal wissenschaftlich gearbeitet hat, der wird um den Aufwand wissen. Schaut man sich die Quellen jedoch genauer an, bemerkt man, dass es sich um viele Internetvideos oder Internetartikel in populären Zeitschriften handelt, die einen schnellen Zugriff erlauben. Ohne seine Leistung kleinreden zu wollen, ist dies aus wissenschaftlicher Sicht nicht optimal, jedenfalls in diesem Ungleichgewicht gegenüber den aufgeführten Fachartikeln oder Monographien. Da besonders gedruckte Monographien und Sammelwerke der größte Zeitfresser sind, darf man zwei entsprechend gebildeten Menschen definitiv zutrauen, diese Arbeit in wenigen Monaten bewältigen zu können. Rezo ist wissenschaftlich gesehen kein Anfänger, er besitzt einen Masterabschluss in Informatik. Intellektuell ist er zu dieser Leistung also allemal imstande. Im Gespräch mit „bento“ erwähnt er zwar, er „habe damit ein dickes Minusgeschäft gemacht, weil ich meine Mitarbeiter natürlich dafür bezahlt habe und in der Zeit auch andere Videos hätte machen können, mit denen ich etwas verdiene.“ Wahrscheinlich sind jedoch Mitarbeiter gemeint, die sich um das Drumherum seiner Youtube-Channels kümmern und nicht um die Inhalte dieses Videos. Das würde zumindest erklären, wo er die Zeit dafür hernahm.

Allerdings muss auch die Frage erlaubt sein, welche Gruppen dahinter stehen könnten und welchen Interessen diese Gruppen dienen könnten. Es ist sicherlich nicht ausgeschlossen, dass mehr dahinter steckt. Ein Youtuber und selbsternannter Influencer, der mit so vielen Werbeverträgen und undurchsichtigen Verbindungen gespickt ist, darf sich über diesbezügliche Skepsis nicht wundern. Jedoch betont er immer wieder, dass er seinen Lebensstil bei der Wahl seiner Werbepartner berücksichtigt. Und Werbung zu machen ist an sich auch nicht verwerflich. Rezo wird bzw. wurde zum damaligen Zeitpunkt vermarktet von „TUBE ONE“, einem zu „Ströer Media“ gehörenden Unternehmen. Viele nahmen dies als Anlass zum Vorurteil, er handele in fremdem Interesse. Allein davon auf Hintergrundbeeinflussung zu schließen ist jedoch ein wenig abenteuerlich. In dem Fall müsste eine gewisse politische oder wirtschaftliche Gruppierung nahezu exklusiven Einfluss auf ein börsennotiertes Unternehmen wie „Ströer Media“ haben. Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass mit Unternehmen zusammengearbeitet wird, die von einer bestimmten politischen Agenda profitieren (wie z.B. von der infrastrukturellen Bewältigung der Klimakrise). Ich persönlich sehe da keinen ausreichenden Zusammenhang zwischen Marketingagentur und politischer Botschaft. Misstrauen ist in heutigen Zeiten zwar angebracht, doch sollte man einem jungen Menschen auch politischen Idealismus zugestehen dürfen. „t3n“ sagte Rezo zwar, er informiere sich im Alltag kaum über Politik, da er viel arbeite. Doch „der wissenschaftliche Konsens ist eindeutig, dass der aktuelle Kurs von SPD und CDU drastisch falsch ist und unsere Zukunft zerstören wird. Das sage nicht ich, das ist der wissenschaftliche Konsens. Wenn man sich gegen solche klaren Erkenntnisse stellt, handelt man somit irrational und unwissenschaftlich und stellt sich logisch betrachtet auf keinen legitimen Standpunkt.“ Wenn man der Wissenschaft glaubt, dann ist seine Empörung nachvollziehbar. „Klimaleugner“ wird dies hingegen nicht überzeugen.

Faire inhaltliche Auseinandersetzung in Wissenschaft und Medien

Die Wissenschaft selbst stellte sich von Beginn an überwiegend auf Rezos Seite. Klimaforscher bescheinigten ihm, dass die wichtigsten Aussagen zu dem Thema korrekt verarbeitet wurden. Nachdem die CDU ein Rechtfertigungsmanuskript veröffentlicht hatte, mit der Absicht, die von Rezo aufgeführten Argumente zu widerlegen, setzte sich der angesehene Forscher Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin, mit den darin enthaltenen Argumenten auseinander und kam auf seiner Webseite zu folgendem Schluss: „In diesem Faktencheck wurden keine belastbaren Aussagen der CDU gefunden, welche die Inhalte in Bezug auf Klimaschutz des Videos von Rezo substanziell widerlegen.“ Diese Aussage darf sinnbildlich für die Reaktionen mehrerer Fachgebiete dienen, die sich mit dem Klimawandel auseinandersetzen und den Youtuber grundsätzlich bestätigen.

Die etablierten Medien setzten sich, mit Ausnahme einiger anfänglicher hysterischer Beiträge, ebenfalls mehrheitlich sachlich mit dem Video auseinander. Sie überprüften die Fakten, die sie verständlicherweise nicht losgelöst von der etwas reisserischen Vermittlung und einseitigen Darstellungsweise bewerteten. Mehrheitlich kamen die Journalisten und Redakteure zu dem Schluss, dass die darin recherchierten Informationen einem gewissen Standard entsprechen, der von den meisten fair anerkannt wurde, ohne sich politisch auf eine Seite zu schlagen. Die Medien blieben, wie man es auch erwarten muss, kritisch-differenziert. Das betraf erfreulicherweise den Spiegel, die FAZ, den Stern und auch die ARD.

Beleidigungen einiger Medien-Alphatiere

Es gab allerdings auch den Chefkorrespondenten des Deutschlandradios Stephan Detjen (zur Erinnerung: das Deutschlandradio ist gebührenfinanziert, d.h. es hat einen öffentlich-rechtlichen Auftrag), der mit seinen Aussagen eine Art Gegenbeweis dafür liefert, dass sich Teile der Öffentlich-Rechtlichen einer festgelegten Parteienpolitik verschrieben haben. Man muss korrigieren: scheinbar einen Gegenbeweis liefert, denn seine Aussagen sind mittlerweile aus dem Netz verschwunden. Jedenfalls führen mehrere Quellenangaben in Internetartikeln in die Leere und auch Nachforschungen meinerseits kamen zu keinem anderen Ergebnis. Daher lässt sich folgende Wikipedia-Passage nicht mehr ausreichend belegen: „Rezo habe ´ total faktengesättigt´ – zwar zulässigerweise, aber aus journalistischer Sicht – ´ einseitig´ und ´ polemisch´ argumentiert. Er fand, dass dies ´auch [et]was wirklich Zerstörerisches haben´  könne: Detjen zeigte sich erschrocken über den ´ Erfolg von polemischer Rede im Netz´.“ Niemand wird leugnen, dass Rezo einseitig argumentiert und sein Beitrag eher als Meinungsäußerung und Kritik am Nichtbeachten wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Politik zu verstehen ist. Davon abgesehen wird deutlich, dass für den Chefkorrespondenten eines institutionellen Kontrollorgans die Unterstützung des politischen Establishments hier wichtiger zu sein scheint als das Eingehen auf die von zahlreichen Experten bestätigten Fakten.

Nicht nur von Detjen wurde Rezo der Fake-News-Generation zugeschrieben. Diese neumodische Art mit Kritik umzugehen fand man auch andernorts. Rezo selbst äußerte bei „t3n“, der CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Hauer, der sich in der Tat als Kritiker besonders hervortat, spräche „von Fake News und ein Vorsitzender der Jungen Union, Jens Münster, bezeichnet mich als linksgrünen Aktivisten, der in einem gläsernen Loft zwischen Vollbart-Hipstern in Berlin Mitte oder Knusperinchen in der Kölner Südstadt seine demagogischen Botschaften produziert. Also kamen Diskreditierung, Lügen, Trump-Wordings und keine inhaltliche Auseinandersetzung. Im Prinzip, wie ich es bereits kenne.“ Damit legte er eine Souveränität an den Tag, die man eher von der CDU erwartet hätte.

Auf Seiten der Medien sei der FAZ-Innenpolitikchef Jasper von Altenbockum als eindringliches Beispiel für eine äußerst unsouveräne Reaktion aufgeführt. Dieser war einer der ersten und lautesten, wenn es darum ging PR-Agentur und Youtuber einer propagandistischen Seilschaft zu verdächtigen. Es ist schon interessant, wie sehr sich der vielleicht bestplatzierte Kommentarschreiber von FAZ.net von Rezos Video getroffen fühlte und wie extrem seine Unterstützung für die CDU ausfiel. Die Aggression und die Keule des alten weissen Mannes sind eher bezeichnend dafür, wie die Verschränkung von etablierten Medien und etablierter Politik funktioniert. Am 23.05.19 titelte er prominent auf der Startseite des Onlineauftritts der FAZ: „Jeder Like ein Armutszeugnis“. Zeitgleich waren rund 96 % aller Videobewertungen von „Die Zerstörung der CDU“ positiv.


Links: Realität Altenbockum, Rechts: Realität 632.848 Youtuber (©faz.net, Youtube)

Etwa in diesem Bereich bewegen sich die Zahlen auch jetzt noch, ein Jahr später und nach über 1,2 Millionen Bewertungen. 96 % aller Menschen, die Rezos Video also mit einem Like versehen haben, sind für das innenpolitische Alphatier der FAZ „Armutszeugnisse“, weil sie nicht seiner Meinung sind. Für ihn ist das „ein Dokument der Zeitgeschichte: Propaganda von der ganz feinen Sorte.“ Tags darauf ging es weiter: Es müsse „der Demokratie […] endlich der Sprung ins Netz gelingen.“


Rezo undemokratisch (©faz.net)

Sonst werde dieses „Feld den Rezos und Assanges, die ihre Macht gar nicht fassen können“ überlassen. Rezos Beitrag ist also undemokratisch. Das Aufdecken zahlreicher durch die USA verursachter globaler Missstände durch Julian Assange und Wikileaks ist also undemokratisch. Es ist eine seltsame Vorstellung von Demokratie diese kritischen Stimmen unterdrücken zu müssen. Der alternde Löwe kämpft verzweifelt gegen die Eindringlinge in sein Territorium, deren Angriffe und Denkweisen er nicht mehr nachvollziehen kann und will. Dabei macht er Fehler, verlinkt zweifelhafte Videos von zweifelhaften Personen, löscht eigene Tweets. Das Magazin „Übermedien.de“ setzt sich mit der Thematik Jasper von Altenbockum und seiner Reaktion wunderbar auseinander und folgert treffend, er habe sich auf diese Weise selbst zerstört. Damit ist er in guter Gesellschaft (offensichtlich) seiner Partei. Man muss Rezo wirklich zu Gute halten, dass er die Energie aufbringt in öffentliche Diskussionen mit diesen Vollprofis einzusteigen und dabei oftmals auch noch besser auszusehen. Das ist mutig. Sogar die dpa entschuldigte sich wegen fehlerhafter Berichterstattung. Alles in allem kann aber glücklicherweise nicht von einer einseitigen Ablehnung seiner Position durch die etablierten Medien gesprochen werden. Es sind eher negative Ausnahmen aus der Anfangszeit, als vermutlich noch die Hoffnung bestand, die Dynamik kontrollieren zu können.

Auszeichnungen und Nachwirkung des Videos

Ganz anders sah es in der Spitzenpolitik aus. Der Vorfall legt die ignorante Haltung gewisser Kreise alleine dadurch offen, dass er sie unvorbereitet traf. Aus der Beobachtung der Reaktionen kann mehr geschlossen werden als aus perfekt durchgeplanten und durchgetakteten Medienauftritten. Wir konnten beobachten, wie sich die entblößten Herrschaften (und Damen!) innerhalb kürzester Zeit um Kopf und Kragen redeten und wie gering deren Bereitschaft ausgeprägt war fakten- und nicht lobbyorientiert zu arbeiten. Dazu gehört es nun mal auch sich mit unangenehmen Gegenpositionen auseinanderzusetzen. Man möchte meinen, Politiker seien darin geübt. Stattdessen wurde zuerst gespottet, dann geschimpft, dann versucht die rhetorische Hoheit dadurch zurückzugewinnen, dass man einen stotternden jungen Mann, der sich politisch engagiert, nicht besonders freundlich zwar aber um die Wahrheit bemüht, in durchgeplanten Talkshows vorführt. Als er sich dieser ungleichen Situation verweigerte, durfte man sich zum Sieger erklären. Diese heuchlerische Haltung der deutschen Politiker hat Rezo offengelegt wie kaum ein anderer.

Im Nachklang wurde er 2019 und 2020 vielfach für sein Video ausgezeichnet: Von der „Funke Mediengruppe“, von der „Deutschen Umwelthilfe“, dem renommierten „Gruner + Jahr“-Verlag, dem Magazin „stern“ oder vom „Verein zur Förderung der Popkultur“. Er erreichte mit seiner Message etablierte Medien und Verlage ebenso wie Umweltorganisationen und Vertreter von Unterhaltungsformaten. Besonders der von „Gruner + Jahr“ kürzlich vergebene „Nannen Preis“ stößt jedoch mancherorts auf Unverständnis. Es handelt sich um nicht weniger als den renommiertesten deutschen Journalistenpreis. An dieser Stelle darf man vortrefflich darüber streiten, ob Rezo ein Journalist ist, da der Begriff nicht geschützt ist, oder zumindest darüber, ob das hier besprochene und gut recherchierte Video ein journalistischer Beitrag ist. Ben Krischke von „meedia.de“ schreibt nicht zu Unrecht über das Renomee des Preises, dass er Leitplanken für die mediale Berichterstattung setze. „Er definiert Qualitätsansprüche an den deutschen Journalismus. Wer den ´ Nannen-Preis´  erhält, so die Botschaft, der macht sehr guten bis brillanten Journalismus. […] Dazu gehört auch, nicht einseitig zu berichten, sondern ausgewogen und unter Berücksichtigung der Pros und Contras, mindestens aber unter Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven. Das hat Rezo in ´ Die Zerstörung der CDU´  nicht getan.“ Rezos Video ist in der Tat kein journalistischer Beitrag in diesem Sinne. Zur journalistischen Sorgfaltspflicht gehört es Positionen abzuwägen. Das soll das Werk nicht schmälern, nur darf es eben nicht mit Journalismus verwechselt werden. Es ist eher politischer Aktivismus, trotz toller – aber eben einseitiger – Rechercheleistung. Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) kritisierte die Entscheidung zunächst scharf, zog die Pressemitteilung aber am letzten Dienstag zurück. Offenbar fürchtet man sich davor, eine ähnliche öffentliche Reaktion auszulösen wie die CDU vor einem Jahr. Es zeigt sich, wie verunsichert die deutsche Medienlandschaft noch auf das neue Medium Youtube reagiert. Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens darüber, was man in diesen neuen Bereichen nun als journalistische Leistung bezeichnen und belohnen darf.

Auch ein Jahr später sind somit die Auswirkungen der Veröffentlichung zu spüren. Rezo hat die große Leistung vollbracht, die Grenzen medialer Berichterstattung zu verschieben und sich der unerwarteten Wucht der öffentlichen und politischen Reaktionen im Rahmen dessen, was man einem jungen Menschen zutrauen und zumuten kann, gestellt. Die anfänglich bellenden, getroffenen Hunde haben durch ihr kopfloses Handeln einiges von dem bestätigt, was er über die Faktentreue der Partei(en) herausgearbeitet hat. Am 31.05.20 ist also erneut ein Video erschienen, diesmal mit dem Titel „Die Zerstörung der Presse“. Man darf gespannt sein, welche Wirkung es erzielt und wer was aus dem abgelaufenen Jahr gelernt hat. In vier Tagen wurde es bereits über 2 Millionen mal aufgerufen, mit einer Like-Quote von über 91 %. Und man wird beobachten, ob sich dieses Prozedere des politischen Protestes abnutzt oder ob es dauerhaft zu Veränderungen des Kommunikations- und Wahlverhaltens beiträgt.

Datum heute - Atomuhr online